2. Münsteraner Expertengespräche „Alter und Mensch“: Lebenslanges Arbeiten hält jung

Einen kritischen Blick auf politische und technische Aspekte der Pflege warfen Prof. Norbert Klusen, Dr. Stefan Kettelhoit, Dr. Christine Sowinski, Prof. Jürgen Osterbrink und Prof. John Mc Donough (v.l.n.r.)

Rente mit 65? Wenn es nach Dr. Christine Sowinski geht, auf keinen Fall. Jedenfalls nicht, wenn damit sinnhafte Tätigkeit und soziale Kontakte verloren gehen. „Bloß nicht nichts tun. Das ist die schnellste Einbahnstraße hin zu Siechtum und Tod“, erläutert die Expertin vom Kuratorium Deutsche Altenhilfe. Sinnstiftende Arbeit sei der wichtigste Faktor zum Erreichen eines hohen Lebensalters. Wer nicht mehr aktiv im Berufsleben stehe, dem empfiehlt die Psychologin ehrenamtliche Tätigkeiten. „Altruismus macht glücklich und glückliche Menschen leben länger.“

Bei den zweiten zweiten Münsteraner Expertengesprächen am 20. und 21. September 2017 ging es um das Thema „Alter und Mensch.“ „Zwanzig Prozent der Bevölkerung sind schon jetzt älter als 65 – mit steigender Tendenz. Im Jahre 2060 wird die durchschnittliche Lebenserwartung bei 100 Jahren liegen“, zitiert Prof. Jürgen Osterbrink Prognosen der WHO. Der Vorstand des Instituts für Pflegewissenschaft und -praxis der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität in Salzburg und Direktor des WHO Colloborating Centres warnte: „Wir werden darauf rasch reagieren müssen. Was die Entscheider aus Forschung, Industrie und Kostenträgern längst verinnerlicht haben, muss schneller Eingang in die Politik finden. Sonst werden wir die wachsende Alterspyramide nicht stemmen können“. Als zweiten Risikofaktor für schnelles Altern nennt die Beraterin von Pflegeheimen Medikamente. „Wer alles nimmt, was der Arzt verschreibt, bringt sich um,“ so Sowinski. Diese langjährige Erfahrung des Pflegepersonals in Altenheimen müsse endlich Eingang in die tägliche Praxis finden. „Geriater sind in dieser Hinsicht viel weiter als ihre Kollegen“, lobt die Referentin. Diese Spezialisten für Altersmedizin seien sehr zurückhaltend mit Medikamenten. „Mehr Physio- und Ergotherapie statt Pillen und Tropfen bringen deutlich mehr Lebensqualität“, empfiehlt die Expertin aus fast dreißigjähriger Beratungspraxis den rund 60 anwesenden Entscheidern aus der Gesundheitswirtschaft. Mitveranstalter Dr. Stefan Kettelhoit setzt bei der Problemlösung für die alternde Gesellschaft auf internationale Vernetzung und innovative Produkte wie das digitale Pflegebett. „Wir beobachten zunehmend, dass die wesentlichen Impulse inzwischen nicht aus der Politik, sondern aus der Weltwirtschaft kommen“ so der geschäftsführende Gesellschafter der Firma Bock aus Verl. Der Hersteller von Pflegebetten arbeitet beispielsweise in Think Tanks mit Firmen aus Europa und Nahost. „Auf diese Weise können wir Quantensprünge im Bereich der Digitalisierung leisten.“ Dr. med. Daisy Hünefeld vom Vorstand der Franziskus-Stiftung, Münster, ist da etwas zurückhaltender: Mit Blick auf das „japanische Modell“ der Pflege moniert sie: „Pflegeroboter, die Trinkgefäße anreichen, Roboter, die Vitalparameter abrufen – soll das die Zukunft sein? Das hat nur ganz bedingt mit Lebensqualität zu tun. Menschen wollen jemanden, der sich mit Ihnen unterhält, der für Sie Zeit hat und vielleicht auch mal Händchen hält.“ Angesichts des Mangels an Pflegekräften habe Digitalisierung aber dort ihre Berechtigung, wo sie den Fachkräften mehr Zeit gebe, sich um den Menschen zu kümmern: „Wenn ich nicht mehr die Ressource der Pflegenden habe, dann muss ich überlegen, wie ich die verbleibenden Ressourcen intelligent aufteilen kann: Was kann ich digital unterstützen?“ Prof. Dr. Norbert Klusen, ehemals Vorstandsvorsitzender der Techniker Krankenkasse, sieht in neuen Technologien dagegen eine „enorme Chance“ für den Pflege- und Gesundheitsbereich: „Etwa in der Diagnostik: Irgendwann wird Blutabnehmen überflüssig.“ Auch die Kostenträger seien stark an Digitalisierung interessiert, berichtet der ehemalige Krankenkassen-Vorstand: „Weil sie in der Tendenz Geld spart natürlich, aber auch, weil sie zur Sicherheit und Qualität der Versorgung beiträgt.“ Eine Riesenlücke in der Versorgung alter Menschen tut sich nach Meinung des anwesenden Plenums noch in der „Pflege light“ auf. „Wir haben in Deutschland einen Riesenbedarf an hauswirtschaftlicher Hilfe, der derzeit nicht gedeckt wird“, berichtete eine Besucherin. Viele alte Menschen könnten sich zwar nicht selbst pflegen, brauchten aber insbesondere auch Hilfe beim Kochen, Einkaufen und Putzen. „Das ganze Segment wird von den Pflegekassen nicht abgedeckt und von den vielen ambulanten Pflegediensten nicht einmal angeboten.“ Hier müsse die Politik ebenfalls dringend umsteuern. Den alten Menschen selbst empfiehlt Pflegeheim-Beraterin Christine Sowinski mehr Selbstbewusstsein. Altern sei heute ein individueller Prozess, in dem vieles hinterfragt werde. „Wir leben in einer Zeit, in der auch achtzigjährige sich noch trennen, ihr Coming Out haben oder eine neue Liebe finden und das ist gut so.“ Das Wichtigste für ein gutes Altern seien soziale Kontakte. „Am liebsten in einem Verein oder einer Gruppe. Wenn das nicht möglich ist, können auch soziale Netzwerke noch das Tor in die Welt sein.“ (ca. 4.950 Zeichen)

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