Aus Dänemarks Erfahrung mit dem digitalisierten Gesundheitswesen lernen

Morten Elbæk Petersen ist CEO von sundhed.dk. Er hat dieses Amt seit Gründung des Portals im Jahre 2003 inne. Darüber hinaus ist er externer Dozent und Prüfer in Public Health IT-Master-Studiengängen an dänischen Universitäten.

Unser Nachbar Dänemark ist ein Pionier auf dem Gebiet der Digitalisierung: Gesundheitsökonomen und Fachpersonal in Gesundheitsberufen weltweit schauen auf das öffentliche Gesundheitsportal www.sundhed.dk, in dem Krankenakten von Patienten und Ärzten eingesehen werden können. Im September wird Morten Elbæk Petersen, CEO von sundhed.dk, im Rahmen der Münsteraner Expertengespräche erklären, wie das dänische Gesundheitsportal funktioniert. In unserem Interview legt er die Gründe für den Erfolg von Dänemarks eHealth dar und liefert Hintergrundinformationen zu einigen Themen, welche die Mitarbeiter im Gesundheitswesen am meisten interessieren.

Übersetzung aus dem Englischen. Das englische Original lesen Sie hier.

Herr Petersen, könnten Sie uns bitte einen kurzen Überblick über Ihre Schwerpunkte bei den Münsteraner Expertengesprächen geben?

Ich werde tatsächlich recht häufig nach Deutschland eingeladen, letztes Jahr habe ich sogar mit Angela Merkel gesprochen. Die Frage, die ich mir dabei immer stelle, ist: Warum befragt Deutschland - ein reiches Land und ein technologischer Vorreiter - seinen kleinen Nachbarn zur Digitalisierung? Die mangelnde Reife im Bereich der Digitalisierung hängt in Deutschland nicht mit irgendwelchen technischen Schwierigkeiten zusammen. Es liegt an der Kultur, es geht um Vertrauen und Zuversicht. Ich werde zeigen, welche Maßnahmen wir zur Datensicherheit ergreifen. Aber ich werde auch über den Kern unserer Dienstleistungen sprechen und die Vorteile für die Nutzer und die Ökonomie des Gesundheitssystems.

Dänemark ist Deutschland im Bereich der Digitalisierung um einige Jahre voraus. Wie haben denn die dänischen Bürger zu Anfang auf die Digitalisierung reagiert?

Als vor 15 Jahren in Dänemark die Digitalisierung im Gesundheitswesen Einzug hielt, gab es darüber keine öffentliche Debatte. Das wurde einfach gemacht. Natürlich wurden Umfragen durchgeführt, aber wir konnten auf das bestehende Vertrauen in das staatliche System bauen. Wir in Dänemark haben diese Art von Vertrauen in unsere Regierung.
In Deutschland dagegen ist die allgemeine Einstellung eine andere. Diese unterschiedlichen Kulturen müssen respektiert werden, und darüber werde ich in meinem Vortrag ebenfalls sprechen.
Ich nehme oft mit den Entwicklern von Gematik [den Verantwortlichen für die elektronische Gesundheitskarte (eGK) in Deutschland; Anm. d. Redaktion] an Podiumsdiskussionen zur Datensicherheit teil. Sie wollen wissen, wie man alle Risiken eliminieren kann. Aber das ist unmöglich. Es gab bei uns in 15 Jahren keine Datenlecks, aber natürlich kann irgendwann ein Unfall passieren. Wie bei einer Flugreise: Sie treffen alle Vorkehrungen, aber niemand kann Ihnen 100%ige Sicherheit garantieren.
Was ich damit sagen will, ist: Lassen Sie sich davon nicht einschüchtern. Denn die Stärkung der Patienten in ihrer eigenen Gesundheitskompetenz ist es wert.

Reden wir also heute nicht über Risiken, sondern konzentrieren uns auf die Vorteile.

Ja, aber Sie müssen diese Fragen trotzdem stellen. Ansonsten lesen die Deutschen dieses Interview erst gar nicht!

Sprechen wir zunächst einmal über Patienten: Inwiefern profitieren sie von der digitalen Verfügbarkeit von Krankenakten?

Auf der persönlichen Ebene erhält man dadurch wesentlich mehr Informationen über die eigene Krankengeschichte im Gesundheitswesen. Einige der Daten in unserem eHealth-Portal stammen tatsächlich aus dem Jahr 1977, sie sind älter als die Digitalisierung selbst. Und dann sind da natürlich all die aktuellen Aufzeichnungen aus den Krankenhäusern und Ihren Fachärzten. Sie können über sundhed.dk auch mit Ihrem Hausarzt kommunizieren und beispielsweise einen Termin vereinbaren, eine Beratung per E-Mail in Anspruch nehmen etc.

Wissen die Dänen denn die ihnen offenstehenden Möglichkeiten zu schätzen und nutzen sie sundhed.dk dementsprechend?

Dänemark hat 5,8 Mio. Einwohner und wir haben auf sundhed derzeit jeden Monat 1,7 Mio. individuelle Besucher. Die dänischen Bürger nutzen sundhed viel und nicht bloß, um ihre medizinischen Daten einzusehen. Wir haben im Portal auch eine Menge grundsätzliche medizinische Informationen, die in leicht verständlicher Sprache geschrieben sind. Unter den zehn meistgenutzten Funktionen auf sundhed steht die Datenbank mit den privaten Krankenakten auf Platz eins. Auf dem zweiten Platz ist das Medizinische Basishandbuch für Patienten. Und auf Platz drei ist das Medizinische Fortgeschrittenenhandbuch für Beschäftigte in Gesundheitsberufen - wir haben zwei Versionen davon: eine einfache für die Patienten und eine komplexe für die Fachleute. Das sind die drei Kernfunktionen des Portals.

Demnach besteht der zentrale Wert von sundhed.dk darin, dass die Patienten selbst für ihr medizinisches Verständnis und Wissen sorgen.

Ja, genau.

Wir wurden die Krankenakten auf sundhed.dk zusammengeführt?

Krankenhäuser und Ärzte schreiben die Krankenakten in ihren eigenen Systemen. Es gibt sehr viele verschiedene Systeme, jeder hat sein eigenes. Dann werden die Akten automatisch auf sundhed online gestellt. Wir zeigen die Krankenakten in Echtzeit an, sie werden aber nicht auf der Nutzeroberfläche des Portals geschrieben oder geändert. Man kann die Originaldateien nur in der Praxis des Arztes schreiben oder verändern. Das ist der Kern des Prinzips.

Wie erhalten die Patienten Zugang zu ihren persönlichen Krankenakten?

Als Staatsbürger haben Sie eine Persönliche Identifikationsnummer und eine elektronische Signatur. Wenn Sie auf Ihre Akten zugreifen wollen, verwenden Sie die elektronische Signatur. Dieser spezielle Schlüssel wird in Dänemark im gesamten öffentlichen und privaten Sektor verwendet. Sie erledigen damit Ihre Bankgeschäfte, zahlen Ihre Steuern, leihen damit Bücher aus – machen einfach alles.

Ältere Mitbürger haben manchmal lange und komplizierte Krankengeschichten. Nutzen sie sundhed.dk auch?

Aber ja. Die Nutzergruppe, die am schnellsten anwächst, sind die Menschen über 65. Das sind ja die Patienten, sie nutzen das Gesundheitssystem am meisten. Die Ärzte und Krankenpfleger bestärken sie darin, auf sundhed ihre Krankenakten einzusehen und sich auf ihren nächsten Arztbesuch vorzubereiten.
Unsere Krankenhäuser werden hauptsächlich von unseren älteren Mitbürgern genutzt. Deshalb wird sundhed für diese Bevölkerungsgruppe optimiert. Das Nutzererlebnis ist für uns sehr wichtig, deshalb sehen wir zu, dass alles leicht verständlich und logisch ist. Wir haben insbesondere für ältere Mitbürger Fokusgruppen, um dieses Nutzererlebnis kontinuierlich zu verbessern.

Kann man anderen Menschen, etwa seinem Partner, Zugriff auf seine persönliche Akte gewähren?

Ja, das ist eine relativ neue Funktion, die wir hinzugefügt haben. Sie ist hauptsächlich für Familienmitglieder gedacht, damit man beispielsweise den betagten Eltern bei ihren medizinischen Problemen helfen und nachlesen kann, was der Arzt gesagt hat. Denn in der Arztpraxis ist man oft sehr nervös oder steht unter Schock und kann sich kaum erinnern, was gesagt wurde. Jetzt kann man sich die Zeit nehmen und das im eigenen Wohnzimmer nachlesen.
Und Sie haben die Sicherheit, dass der nächste Arzt automatisch über die gleichen Informationen verfügt wie man selbst. Das ist sehr, sehr wichtig.

Stellen Ärzte alles in ihren Krankenakten online?

Der Patient kann exakt die gleichen Informationen lesen wie andere Ärzte. Mit der Zeit haben die Ärzte gelernt, ihre Berichte in einer benutzerfreundlichen und verständlichen Sprache zu schreiben. Natürlich haben wir das überprüft, so dass die Informationen tatsächlich in einer für Patienten verständlichen Weise formuliert sind.

Können Krankenpfleger und Pflegekräfte ebenfalls ihre Dokumentation auf sundhed.dk einstellen?

Können sie, wenn das Krankenhaussystem dies zulässt. Im Krankenhaus arbeiten Pflegekräfte und Ärzte sehr eng als Team zusammen. Die Pflegekräfte haben Zugang zu den eigenen Krankenakten des Krankenhauses. Wenn Sie aber in der häuslichen Pflege tätig sind, sieht die Sache anders aus. Wo es keinen Arzt gibt, können Gemeindepflegekräfte nicht einfach Einsicht in irgendwelche Krankenakten nehmen. Das ist eine Sicherheitsmaßnahme: Um auf sundhed Krankenakten einsehen zu können, müssen Sie ein behandelnder Arzt in Gegenwart des Patienten sein.
Wir arbeiten derzeit an einer Strategie, damit Pflegekräfte sundhed auch nutzen können, aber wir sind noch nicht soweit.

Vereinfacht ein digitalisiertes Gesundheitssystem für die Beschäftigten in Gesundheitsberufen den Alltag?

Das ist in Dänemark längst keine Ja- oder Nein-Frage mehr. Wir haben eine digitalisierte Gesellschaft, in der alle Einheiten zusammenarbeiten. So ist das heutzutage. Natürlich ist es ein Vorteil, dass ein Arzt die Krankengeschichte eines Patienten, den er zuvor noch nie gesehen hat, einsehen und entsprechend behandeln kann. Dadurch verbessert sich auf jeden Fall die Gesundheitsversorgung.
Und durch ein digitalisiertes System wird es viel einfacher, das Gesundheitssystem in einem laufenden Prozess zu ändern bzw. immer wieder zu ändern. Das ist wichtig, um mit neuer Technologie und neuen demographischen Entwicklungen Schritt halten zu können. Es ist ein System, das sich permanent weiterentwickelt.

Krankenhäuser setzen zum Teil bereits auf digitale Datenflüsse von technischen Geräten, etwa Sensoren, direkt in die Krankenhausakten. Landen solche Daten dann auch auf sundhed.dk?

Ja. sundhed sollte der Ort sein, an dem alle medizinischen Daten gesammelt werden. Das ist Teil der nationalen Strategie in Dänemark. Wir haben dieses Ziel noch nicht vollständig erreicht, aber wir haben Pilotprojekte, um diese Art von Input zu evaluieren.

Was ist mit den Gesundheitsdaten, die von den Patienten selbst gesammelt werden, etwa Blutdruck oder der Blutzuckerspiegel?

Das ist eine der Schwierigkeiten, vor der wir derzeit im Rahmen der Digitalisierung stehen. Sehen Sie, wenn Sie ein Gerät wie eine Uhr kaufen, die Daten misst, werden einige dieser Daten an den Hersteller zurückgemeldet und könnten kommerziell verwertet werden. Dann können wir nicht mehr das Sicherheitsgefühl bieten, das wir derzeit mit sundhed vermitteln. Die personenbezogenen Daten werden bei uns sehr sicher verwahrt. Wir geben beispielsweise keine Daten an Versicherungen heraus. Noch nicht einmal an Forscher. Die fänden das natürlich toll, aber es ist Teil unseres Vertrauenskonzepts, dass nur die Patienten selbst und die sie behandelnden Ärzte Zugriff darauf haben.
Deshalb haben wir uns in Dänemark darauf geeinigt, dass wir diese Art von Daten nicht in den Krankenakten haben wollen. Aber wir versuchen, den Mitbürgern die Möglichkeit zu geben, diese Daten selbst einzutragen, weil das durchaus sinnvoll ist. Wir werden sie nicht in den Hauptakten speichern, aber in einem Nebenbereich.

Was sind die nächsten Schritte, die Sie für sundhed.dk planen?

Wir führen derzeit einige sehr gute Pilotprojekte in der Telemedizin durch. Beispielsweise für Patienten mit chronischen Krankheiten wie COPD oder Diabetes. Bei den Telemedizin-Pilotprojekten arbeiten wir tatsächlich mit dieser Art des Inputs von Nutzerdaten. Wir arbeiten außerdem an einem Rückmeldungssystem, bei dem wir von den Patienten ein persönliches Feedback zu ihrer Behandlung und ihrer Nutzererfahrung auf sundhed einholen.
Diese ganze Digitalisierung hat natürlich auch einige geschäftliche Aspekte. Es ist wissenschaftlich belegt, dass es 15 – 20 % effektiver ist, mit digitalisierten Prozessen zu arbeiten. Aber hauptsächlich haben wir bei sundhed bei allem, was wir tun, das Wohl der Patienten im Blick.


Share

Newsletter abonnieren