Ganzheitliche Pflege durch neue Versorgungsformen – Beispiel Schleswig-Holstein

Senioren-WG und Tagespflege der Ahsbahs Stift gGmbH in Krempe
Senioren-WG und Tagespflege der Ahsbahs Stift gGmbH in Krempe

Immer mehr Einrichtungen und Dienste setzen auf eine „ganzheitliche Pflege“: Nicht mehr nur die Einschränkung der Pflegebedürftigen soll im Vordergrund stehen und „versorgt“ werden, sondern der ganze Mensch. Am Beispiel der Region Schleswig-Holstein stellen wir diese Entwicklung und ihre Facetten vor. Und zeigen das große Problem, das dafür noch gelöst werden muss.

Ganzheitlichkeit

In den 1970er Jahren führte Liliane Juchli den Begriff „ganzheitliche Pflege“ in den deutschsprachigen Raum ein. Betrachtet man heute die Leitbilder der Pflegeeinrichtungen in Schleswig-Holstein, so fällt auf, dass sich viele Unternehmen mit „ganzheitlicher Pflege“ identifizieren und sich diese Begrifflichkeit auf die Fahne schreiben. Ganzheitlich meint in diesem Kontext den Körper, die Seele und den Geist eines Menschen zu betrachten, da diese eine Einheit bilden. Sie stehen in ständiger Wechselwirkung mit der Umwelt und den individuellen Bedürfnissen des zu Versorgenden. Dieser pflegetheoretische Ansatz wird durch die heute anerkannte salutogene Sichtweise unterstützt: Ein Pflegebedürftiger ist nicht nur auf seine Krankheit oder Einschränkung zu reduzieren.

Mit diesem Ansatz wird die Steigerung der Lebensqualität für die zu Versorgenden durch bedürfnisorientierte Leistungen verbunden. Nicht nur durch eine professionelle, individuelle Pflege kann ein ganzheitliches Vorgehen angestrebt werden. Ein großes, gut vernetztes Spektrum von Versorgungsangeboten für Hilfebedürftige kann zur Erreichung dieses eigentlich unerreichbaren Ziels beitragen.

Wohnen im Alter

In der Bundesrepublik versuchen diverse Institutionen innerhalb des vorgegebenen gesetzlichen Rahmens auf diese gedankliche Neuausrichtung zu reagieren. Die Landesregierung Schleswig-Holstein verfolgt das Ziel, die eigene Häuslichkeit zu erhalten, jedoch sollen pflegende Angehörige entlastet werden. Das Motto „ambulant vor stationär“ stellt ein klares politisches Ziel dar.

Schleswig-Holstein hat dennoch im deutschlandweiten Vergleich eine deutlich höhere Zahl vollstationärer Plätze im Verhältnis zur Einwohnerzahl. Laut dem Verband der Ersatzkassen bestehen gegenwärtig mit rund 600 stationären Pflegeeinrichtungen Verträge für die Versorgung von Pflegebedürftigen in diesem Bundesland. Die ambulante Pflege hat jedoch in Schleswig-Holstein an großer Bedeutung gewonnen. Mit circa 480 stetig wachsenden ambulanten Pflegediensten werden die Ergebnisse der Pflegestatistik 2015 des statistischen Bundesamtes untermauert. Hier heißt es, Schleswig-Holstein habe neben Niedersachsen das höchste Wachstum an ambulant Versorgten in Deutschland zu verzeichnen.

Neben diesen zwei „klassischen“ Versorgungsformen entstehen jedoch alternative Ideen, die den individuellen Bedarf Pflegebedürftiger besser decken sollen. Zur Ergänzung der häuslichen, ambulanten Pflege entstehen beispielsweise Tagespflegeeinrichtungen. Mittlerweile hat Schleswig-Holstein circa 120 teilstationäre Einrichtungen, und der Trend zeigt weiterhin nach oben. Teilstationäre Einrichtungen bieten Pflegebedürftigen durch umfassende Versorgungsangebote am Tag oder in der Nacht die Möglichkeit, weiterhin zu Hause zu wohnen, obwohl eine 24h-Versorgung durch Angehörige nicht gewährleistet werden kann.

Erlauben Einschränkungen nicht den Verbleib in der eigenen Wohnung so gibt es heute noch eine Vielzahl an Alternativen zu der stationären Pflege. Hierbei setzen die Älteren verstärkt auf barrierefreie und altersgerechte Wohnungen mit bedarfsgerechter Unterstützung und Versorgung. Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend unterstützte zum Beispiel den Bau diverser Mehrgenerationenhäuser. Diese  sollen den generationsübergreifenden Austausch fördern, Unterstützungsangebote für Jung und Alt schaffen und somit auf die Auswirkungen des demografischen Wandels reagieren. Das Konzept soll kostengünstige Unterstützungsangebote auf der Grundlage des ehrenamtlichen Engagements schaffen. In Schleswig-Holstein wurden durch die Aktion „Mehrgenerationenhäuser“ bereits 16 Projekte gefördert.

Ambulant betreutes Wohnen

Angesichts der demographischen Entwicklung steht der Fokus jedoch auf der Form des ambulant betreuten Wohnens: Es entstehen immer mehr kreative Wohnangebote mit verlässlichen Dienst- und Serviceleistungen. Der eher ländliche Kreis Steinburg hatte beispielsweise bereits 2014 zehn Formen des betreuten Wohnens im Alter beim Kreisgesundheitsamt ausgewiesen, seitdem ist die Zahl weiter gestiegen. Weiterhin entstanden in den vergangenen Jahren vermehrt auf konkrete Bedürfnisse spezialisierte Wohnideen. Ein Beispiel hierfür sind Wohngemeinschaften für demenziell Erkrankte.

Durch diese immer größere Vielfalt an Wohn- und Versorgungsangeboten werden ältere Menschen nicht mehr auf ihre Einschränkungen reduziert. Trotz gewisser Hindernisse, die den Alltag erschweren, haben Senioren und Seniorinnen individuelle Wahlmöglichkeiten, die sich mit dem Gedanken der Ganzheitlichkeit besser vereinbaren lassen.

Der ganzheitlichen Pflege fehlen Fachkräfte

Trotz bereits gegebener Individualität für das Leben im Alter ist die Nachfrage nach seniorengerechtem Wohnraum besonders in ländlichen Regionen groß. Die Wartelisten für viele Seniorenwohnungen oder auch stationären Einrichtungen sind lang. Ambulante Pflegedienste müssen immer häufiger Kunden ablehnen, da sie nicht ausreichend Personal vorhalten können.

Die drei Säulen der Ganzheitlichen Pflege: Kommunikation, Individualpflege und Beschäftigung können nicht durch angepassten Wohnraum belebt werden. Es erfordert ein Aufgebot an qualifiziertem Pflegepersonal in der Sozialwirtschaft.

Laut Fachkräfteengpassanalyse der Bundesagentur für Arbeit vom Juni 2017 spitzt sich der Pflegenotstand jedoch weiter zu.

Gemeldete Stellenangebote für examinierte Altenpflegefachkräfte und -spezialisten seien im Bundesdurchschnitt 167 Tage vakant. In ausnahmslos allen Bundesländern ist eine Lücke an Pflegekräften zu verzeichnen, die schon rein rechnerisch nicht durch aIle arbeitslosen Bewerber der Bundesrepublik gefüllt werden kann.

Fazit

In Schleswig-Holstein und der gesamten Bundesrepublik gibt es bereits ein großes Angebot seniorengerechter Versorgungsformen. In seiner Menge und Lokalisation ist dieses Angebot jedoch noch nicht flächendeckend. Die Vielfalt der Angebote spricht für einen großen Schritt in die Richtung des ganzheitlichen, individuellen Denkens. Die vorherrschenden Rahmenbedingungen machen jedoch eine annähernd ganzheitliche Pflege unmöglich. Es gibt viele kreative Ideen, viele individuelle Konzepte – doch leider zu wenig Manpower!



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