Die Große Koalition steht – und wie geht es jetzt weiter mit der Pflege?

Andreas Westerfellhaus ist Geschäftsführer der ZAB Zentrale Akademie für Berufe im Gesundheitswesen. Von 2009 bis 2017 war er Präsident des Deutschen Pflegerats, seit Februar 2018 ist er als Senator nun auch Vorsitzender der Sektion Pflegeberufe im Senat der Wirtschaft. Andreas Westerfellhaus ist Betriebswirt mit Schwerpunkt Sozialwesen, Lehrer für Pflegeberufe und ausgebildeter Fachkrankenpfleger für Intensivpflege und Anästhesie.
Andreas Westerfellhaus ist Geschäftsführer der ZAB Zentrale Akademie für Berufe im Gesundheitswesen. Von 2009 bis 2017 war er Präsident des Deutschen Pflegerats, seit Februar 2018 ist er als Senator nun auch Vorsitzender der Sektion Pflegeberufe im Senat der Wirtschaft. Andreas Westerfellhaus ist Betriebswirt mit Schwerpunkt Sozialwesen, Lehrer für Pflegeberufe und ausgebildeter Fachkrankenpfleger für Intensivpflege und Anästhesie.

Update 15.03.2018: Wenige Tage nach unserem Interview kündigte der neu ernannte Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) an, Andreas Westerfellhaus zum Pflegebeauftragten der Bundesregierung zu ernennen.

 

Herr Westerfellhaus, das Wort „Pflegenotstand“ ist spätestens seit der Bundestagswahl in aller Munde. Ist es wirklich so schlimm bestellt um die Pflege in Deutschland?


Es ist noch viel schlimmer. In allen Sektoren, egal ob im Krankenhaus, in den stationären Altenpflegeeinrichtungen, in ambulanten Einrichtungen, überall fehlt qualifiziertes Personal. Und das nicht nur in den Ballungszentren, auch im ländlichen Bereich. Wenn neu gebaute stationäre Altenpflegeeinrichtungen nicht geöffnet werden können, weil Fachkräfte für die sichere, qualifizierte Versorgung von Menschen fehlen, dann wird das Ausmaß der Katastrophe sehr deutlich. Aber diese Entwicklung ist ja nicht vom Himmel gefallen. Die Pflegeberufe haben seit Jahren darauf hingewiesen, doch alle Hinweise wurden unter den Tisch gekehrt oder ignoriert.

Zugegeben, wir haben in den letzten Jahren viel für die Versorgung der Menschen getan: Pflegestärkungsgesetz, qualifizierte Weiterentwicklung in den Krankenhäusern und so weiter. Aber niemand in der Politik hat die Frage beantwortet, wie wir das qualifizierte Personal dafür zur Verfügung stellen wollen. Und wie reagieren die Menschen in der Pflege auf diese Verweigerungshaltung der Politik? Entweder sie gehen gar nicht erst in den Pflegeberuf. Oder sie flüchten aus dem Beruf, werden krank, gehen in Teilzeit oder gehen – wo es möglich ist – in die Nachbarstaaten. Deutschland steht ganz deutlich vor einem Pflegekollaps.

Die Politik scheint die Probleme doch erkannt zu haben, hat im Koalitionsvertrag ein „Sofortprogramm Pflege“ beschlossen. Helfen diese Maßnahmen denn nicht?


Naja, das mit dem Erkennen ist so eine Sache. Willenskundgebungen haben wir seit Jahren, allein das Handeln fehlt. Und wenn beim „Sofortprogramm Pflege“ gesagt wird, Pflege solle eine tarifliche Aufwertung erfahren, dann muss man klar sagen, dass die Politik dafür gar nicht zuständig ist, das ist Sache der Tarifpartner. Allerdings müssten höhere Löhne und Tarifverträge auch von den Sozialsystemen refinanziert werden.

Und wenn die Politik jetzt sagt, dass 8.000 neue Stellen in stationären Altenpflegeeinrichtungen entstehen sollen, dann hört sich das für den Laien möglicherweise viel an. Aber das entspricht nur ungefähr einer halben Stelle pro stationärer Altenpflegeeinrichtung. Hier hat die Politik scheinbar eine Null vergessen: 80.000 wären notwendig.

Das, was angekündigt wurde, hilft also niemandem. Im Gegenteil ist die Verzweiflung vor Ort groß, dass wir wieder vertröstet werden. Eine Pflegemindestpersonalbesetzung in den Krankenhäusern wird verhandelt zwischen den Selbstverwaltungspartnern also der Deutschen Krankenhaus-Gesellschaft und den Kostenträgern, also den Kassen – aber ohne Beteiligung der Pflegeberufe. Ergebnisse sind für 2019 angekündigt, und in der Zwischenzeit werben sich die Krankenhäuser das Personal mit Prämien ab. Wenn mir Kliniken berichten, dass sie auf Intensivstationen nur noch mit 20 Prozent Stammpersonal arbeiten, weil die anderen 80 Prozent je nach Prämienlage von Klinik zu Klinik wechseln, dann zeigt das, wie absurd dieses System sich entwickelt. Für den Einzelnen als Notlösung ist das vielleicht verständlich. Aber für das System als Ganzes sind solche Entwicklungen der Nachweis, dass wir schon mitten im Kollaps sind.

Geht’s denn nur ums Geld?


Es geht ums Geld, klar. Auch beim Stellenschlüssel für Pflegekräfte. In Deutschland muss eine einzelne Pflegekraft im Durchschnitt 13 Patienten versorgen. In den Niederlanden sind es nur 7. In Norwegen und den USA muss eine Pflegekraft im Schnitt sogar nur 5,4 Patienten versorgen. Personal kostet Geld, und wenn ich mehr Personal an die Seite des Patienten stelle, dann muss dieses Personal finanziert werden.

Und man muss auch eine adäquate tarifliche Entlohnung sicherstellen für Menschen, die in diesem hochanspruchsvollen Pflegeberuf als professionelle Pflegekräfte arbeiten. Es darf doch nicht sein, dass die Arbeit an Maschinen besser bezahlt wird als die verantwortungsvolle Arbeit an Menschen.

Was müsste die Politik also tun? Sie müsste einen Masterplan entwickeln unter Beteiligung der Pflegeberufe. Da fängt der Fehler ja schon an: In der Politik findet das Gespräch immer über Pflege statt und nie mit der Pflege. Niemand käme auf die Idee, die Ärzteschaft nicht bei maßgeblichen Entwicklungen zu beteiligen. Nur bei der Pflege erlaubt man sich, diese größte Berufsgruppe im Gesundheitswesen komplett auszublenden und sie mit fertigen Ergebnissen zu konfrontieren. Pflegende halten das Gesundheitswesen am Laufen. Ohne professionelle Pflegende ist das System am Ende.

Was müsste die Politik denn tun?


Wir brauchen einen Paradigmenwechsel. Wir können den Fokus nicht immer nur auf eine Berufsgruppe legen. Wir müssen gemeinsam das oberste Ziel im Auge behalten: Wie stelle ich Versorgung in der Zukunft sicher? Dazu brauche ich nicht nur Ärzte, dafür brauche ich zum Beispiel auch Physiotherapeuten und dazu brauche ich eben auch Pflege. In allen Sektoren, also für Kinder, für alte Menschen, auf den Intensivstationen, in der Palliativmedizin. Dann müsste man ein Konzept erarbeiten: Wie viele dieser Fachkräfte braucht man, was dürfen sie tun, wie können sie miteinander berufsgruppenübergreifend arbeiten? Dann käme man zu Lösungsansätzen. Aber das scheint für vier Jahre Regierungstätigkeit wohl zu kurz zu sein.

In vielen Staaten gibt es die Position eines "Chief Government Nurse“ oder „Chief Government Officers“. Das heißt nichts anderes als dass diese Staaten sich genau diese Expertise in die Regierung hineinholen und das in fachkompetente Hände unterhalb der Minister-Ebene legen.

Mit Jens Spahn soll nun ein 37-Jähriger das Ressort Gesundheit übernehmen. Kann der junge Minister „Pflege"?


Zunächst muss man zu Jens Spahn sagen, dass er Erfahrung im Gesundheitswesen gesammelt hat durch seine langjährige Tätigkeit als Sprecher im Gesundheitsausschuss. Ich glaube, dass ihm die prekäre Situation der Pflege sehr wohl bewusst ist. Es wird in den nächsten vier Jahren nicht in erster Linie um eine neue Gebührenordnung für Ärzte gehen können, nicht um eine Weiterentwicklung in der Pharmaindustrie. Sondern was gelöst werden muss, das ist die sichere Versorgung der Bevölkerung mit Pflegeleistungen.

Das kann natürlich ein Minister alleine nicht. Dafür braucht er Menschen mit entsprechender Kompetenz an seiner Seite. Also das, was ich im Vorfeld gesagt habe: Man ist immer gut beraten sich Menschen an die Seite zu holen, die wissen wo die Probleme liegen und die fachlich fundierte Vorschläge unterbreiten können. Damit ein Signal in die Berufsgruppe geht „hier ist einer, der die Pflege ernst nimmt und der ein Interesse daran hat, die Probleme strukturiert anzugehen“. Damit es zu einem Erfolg führt, muss der Minister sich Kompetenz aus der Profession Pflege sichern, um diese Konzepte zu erarbeiten. Dann könnte etwas daraus werden!



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