Deutschland hat 2018 mehr als 1.000 stationäre Pflegeplätze verloren

Grafik 1: Bettenauf- und -abbau nach Bundesland in den ersten drei Quartalen 2018

Grafik 2: Bettenänderungen Nordrhein-Westfalen

Grafik 3: Prozentsatz aller Pflegeheime mit erfüllter Einzelzimmer-Quote in Nordrhein-Westfalen

Grafik 4: Bettenauf- und -abbau nach Monaten

Der stationäre Pflegemarkt in Deutschland ist in stetiger Bewegung. Die Zahl der verfügbaren Pflegebetten hängt natürlich von neu gegründeten oder geschlossenen Pflegeheimen ab, aber auch vom Bettenauf- oder -abbau in bestehenden Einrichtungen. Wir stellen die Entwicklungen der Pflegeplätze im noch laufenden Jahr 2018 im Detail vor.

Kleinere und günstigere Heime schließen

Für ein aussagekräftiges Bild der Pflegebettenzahlen in Deutschland sind mehrere Faktoren zu beachten: Neben dem Aufbau und Abbau von Betten in Bestandsbauten gehen auch jedes Jahr hunderte Betten durch Schließungen von Pflegeheimen verloren, während zugleich Betten durch Neubauten und Eröffnungen neu entstehen. All diese Bewegungen werden im Jahresverlauf mit Hilfe der Datenradare von pflegemarkt.com erhoben.

Im Auswertungszeitraum wurden insgesamt 174 Schließungen von Pflegeheimen registriert. Interessant ist insbesondere die Tatsache, dass die durchschnittliche Kapazität der geschlossenen Einrichtungen mit 46 Plätzen deutlich unter dem bundesweiten Durchschnitt aller Einrichtungen, der 80 Plätze misst, liegt. Neben der geringen Kapazität liegen auch die Kosten der geschlossenen Häuser unterhalb des jeweiligen Landesdurchschnitts. Besonders gering waren die durchschnittlichen Kosten der geschlossenen Heime mit 1.021,85 € in Sachsen-Anhalt (Landesdurchschnitt 1.142,58€) und mit 1.076,98 € in Niedersachsen (Landesschnitt 1.474,46 €), wo im Auswertungszeitrum die meisten Häuser von Schließungen betroffen waren. 

Dem gegenüber stehen insgesamt 114 Neueröffnungen von Pflegeheimen, welche sich zu etwa 70 Prozent auf den privaten Sektor verteilen. Sie liegen im Mittel bei 71 Betten, also ebenfalls etwas unter dem bundesweiten Schnitt.

Netto-Zuwächse und -Verluste im Ländervergleich

Bei 762 Pflegeheimen wurde im Betrachtungszeitraum eine Veränderung der Kapazität im Vergleich zum Vorjahr festgestellt. Betrachtet man die Netto-Entwicklung, also die Zahl aller Pflegebetten die aufgebaut und durch Neugründung entstanden sind, abzüglich der Anzahl aller Pflegebetten, die abgebaut oder durch Schließungen verloren gegangen sind, konnten vor allem Baden-Württemberg (BW: +658 Betten) und Hamburg (HH: +416) einen Netto-Zuwachs an Pflegebetten verzeichnen (vgl. Grafik 1). Den größten Bettenaufbau in Bestandsbauten kann Bayern mit 1.500 zusätzlichen Betten verzeichnen, allerdings fielen in anderen Bestandsbauten zeitgleich 1.100 Betten fort. In der Summe landet Bayern beim Nettozuwachs an Pflegebetten damit auf den dritten Platz (BY: +391).

Hervorzuheben ist in dieser Aufzählung Baden-Württemberg, da hier für Neubauten eine Einzelzimmerquote von 100 Prozent gilt – eine Quote, die ab 2019 auch Bestandsbauten zu erfüllen haben. Die Auswirkungen einer solchen verbindlichen Einzelzimmerquote zeigen sich im Jahr 2018 sehr deutlich in Nordrhein-Westfalen: In den ersten 3 Quartalen 2018 verringerte sich die Gesamtzahl der vollstationären Pflegeplätze deutlich (NW: -1.064 Betten).

Auffällig ist auch der Verlauf in den neuen Bundesländern. Von den sieben Bundesländern, die eine negative Netto-Entwicklung von Pflegeplätzen aufweisen, liegen vier in Ostdeutschland. Insbesondere in Sachsen-Anhalt (ST: -23 Betten) und Thüringen (TH: -380) führen vor allem Schließungen von Heimen zu einer Abnahme der vollstationären Pflegeplätze. Zudem verzeichnen die neuen Bundesländer alle nur einen sehr geringen Aufbau in Bestandsbauten.

Auswirkung der Einzelzimmerquote am Beispiel NRW

Der große Abbau an Betten in Nordrhein-Westfalen liegt vor allem an der neu in Kraft getretenen Einzelzimmerquote: Während dort im vierten Quartal 2017 noch über 500 Betten durch Neugründungen geschaffen wurden nahm diese Anzahl bis zum August 2018 immer weiter ab (vgl. Grafik 2). Während der Bettenaufbau in NRW zurückging, wurden zudem auch immer mehr schon bestehende Betten abgebaut. Besonders auffällig ist dieser Bettenabbau durch Schließungen im zweiten Quartal 2018 sowie durch einen starken Abbau im Bestand in den beiden Monaten Juli und August 2018. Im Nettovergleich nahm in diesen elf Monaten die Bettenzahl kontinuierlich ab: Insgesamt hatte Nordrhein-Westfalen im August 2018 damit 1.064 Pflegebetten weniger als noch im September 2017. Etwa zur Hälfte aller Heime in Nordrhein-Westfalen liegen uns zudem genaue Zahlen zu Doppelzimmern und Einzelzimmern vor. Damit lässt sich feststellen, dass mittlerweile etwa drei Viertel aller Heime in NRW (73 Prozent) die Quote von 80 Prozent erreichen. Die Einzelzimmerquote von 100 Prozent, die nur für Neubauten gilt, wird von insgesamt einem Viertel (26 Prozent) der Pflegeheime erreicht. Dabei zeigen sich bei näherer Betrachtung Unterschiede bei den Trägerarten (vgl. Grafik 3).

Laut dem NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) scheiterten 506 Heime in Nordrhein-Westfalen an der Quote, für 399 von ihnen wurden Wiederbelegungssperren angeordnet. Laumann erklärte im Juli in der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung, dass durch die Sperre 5.559 Pflegeplätze wegfallen würden. Zudem verzichteten 76 Heime zunächst auf eine Förderung durch das Pflegewohngeld und erhielten so eine neue Frist für die Einzelzimmerquote: Bis zum 31. Juli 2023 muss diese nun umgesetzt werden.

Um die Heime zu entlasten wurde von der Landesregierung kurzfristig die Möglichkeit eingeräumt, überzählige Doppelzimmer und Zimmer die nicht über ein – ebenfalls in den neuen Vorgaben gefordertes – eigenes Bad verfügen in Zimmer für Kurzzeitpflege umzuwandeln: 26 Einrichtungen nutzen diese Möglichkeit und schufen so 292 neue Kurzzeitpflegeplätze. Sie haben nun bis Ende Juli 2021 Zeit, die notwendigen Umbauten zur Erfüllung der Einzelzimmerquote und Verfügbarkeit einer ausreichenden Zahl an Sanitärräumen vorzunehmen.

Neugründungen von Pflegeheimen

Typischerweise werden die meisten Pflegeheime in einwohnerreichen Bundesländern wie Bayern, Baden-Württemberg und Niedersachsen gegründet. In Nordrhein-Westfalen schlägt sich in diesem Jahr die Einzelzimmerquote auf die Neugründungen nieder – das Land steht bezüglich der Anzahl der Neugründungen aktuell nur auf Platz vier. In Ostdeutschlad zeigt sich nur Sachsen aktiv, die übrigen neuen Bundesländer haben nur zwei oder eine Neugründung im Laufe der ersten drei Quartale verzeichnen können.

Die Kosten von Pflegeplätzen bei Neugründungen liegen in der Regel im aktuellen Landesdurchschnitt. Gemeinnützige Neugründungen sind dabei mit durchschnittlich 1.616,94 € teurer als private Neugründungen mit 1.443,41 €.

Fazit

Bundesweit sind im Vergleich zum Vorjahr 1.269 Plätze in Pflegeheimen weggefallen. Grafik 4 zeigt diesen Trend und die Verteilung der Bettenauf- und -abbauten über die vergangenen Monate. Vor allem die Entwicklung in Nordrhein-Westfalen ist alarmierend.

Bundesweit zeugt der Netto-Abbau von Pflegebetten im vollstationären Bereich allerdings nicht von einem allgemeinen Schwund an Pflegeplätzen. Vielmehr verlagert sich der Fokus vermehrt auf den ambulanten und teilstationären Bereich. Der Großteil der aktuell im Bau und in Planung befindlichen Einrichtungen sind keine klassischen Pflegeheime, sondern vielmehr komplexe Anlagen mit einer ambulanten und teilstationären Versorgung, etwa im Rahmen einer betreuten Wohnanlage.


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