„Herr Müller braucht mich jetzt“ – Warum das Pflegezetrum Bethanien in Braunschweig ganz auf Digitalisierung setzen will

Ulrich Zerreßen ist Geschäftsführer und Einrichtungsleiter der Senioren- und Pflegezentren Bethanien in Braunschweig und Theresienhof in Goslar, die beide zur Evangelischen Stiftung Neuerkerode gehören. Die Stiftung stellt aktuell einen Förderantrag, um insgesamt 600 Betten mittelfristig digital aufzurüsten. Das Projekt wird pflegewissenschaftlich unterstützt, unter anderem mit Beteiligung der Hermann Bock GmbH, der Ostfalia Hochschule Wolfenbüttel und der Technischen Universität Braunschweig.

In den Senioren- und Pflegezentren der evangelischen Stiftung Neuerkerode sollen demnächst rund 600 Pflegebetten "digital" werden. Wir haben mit dem Geschäfstführer der Bethanien GmbH, Ulrich Zerreßen, darüber gesprochen, warum er auf Technik setzt und wo die Digitalisierung an ihre Grenzen stößt.

Warum beschäftigen Sie sich im Senioren- und Pflegezentrum Bethanien so intensiv mit dem Thema Digitalisierung?


Der Start war, dass wir ein Brainstorming gemacht haben, welche Funktionen in der Pflege für Entlastung und Risikominimierung sorgen würden. Und da sind einige Punkte zusammengekommen.

Das ist erstens die Sturzprophylaxe, also die sensorische Erfassung bereits vor Verlassen des Bettes mit der Maßgabe, dass je nach individueller Sturzgefährdung des Bewohners ein Signal beim Mitarbeiter auf dem Handy aufläuft, so dass die Pflegekraft vor Ort sein kann, noch bevor ein Bewohner fällt. Das hat mehrere Auswirkungen: Die wichtigste Auswirkung ist, dass der Bewohner nicht verletzt ist. Dazu entlasten wir die Mitarbeiter. Denn jeder Sturz verursacht in dem Moment und in der nachfolgenden Zeit viel zusätzliche Arbeit. Und wir erreichen eine im Vergleich zu anderen Häusern bessere Qualität der pflegerischen Versorgung für den Bewohner.

Die zweite Funktion einer Digitalisierung wäre ein Sensor an der Kleidung für hin- oder weglauftendierende Bewohner. Das bietet das Potenzial einer erheblichen Gefährdungsreduzierung für dementiell erkrankte Bewohner, muss aber natürlich auf eventuelle Freiheitsbeschränkung abgeklopft werden.

Der dritte Punkt, den wir erarbeitet haben, ist das Thema Feuchtigkeit. Wenn ich eine Inkontinenzeinlage mit Feuchtgkeitssensor habe, muss die InKo-Versorgung nur stattfinden, wenn auch tatsächlich Feuchtigkeit vorliegt. Heute ist es so, dass Bewohner in regelmäßigen Abständen versorgt werden. Plakativ gesagt spielt es keine Rolle, ob die InKo-Vorlage nass oder trocken ist, sie fliegt in den Müll. Mit einem Sensor könnte die Inkontinenz-Versorgung  zeitgenau dann stattfinden, wenn sie erforderlich ist – und nicht erst bei der nächsten Prüfung. Es gibt weniger Wundstellen, Druckstellen und daraus resultierend weniger Dekubiti. Nächtliche InKo-Versorgung muss ich nur dann machen, wenn der Sensor sagt, dass der Bewohner eingenässt ist – bei der bisherigen Regelversorgung wecke ich jeden, egal ob er nass oder trocken ist, und der Schlaf wird unterbrochen. Also habe ich gleich mehrere positive Ansätze.

Viertes Beispiel: Liegend-Bewohner benötigen in der Regel auch eine Lagerungsversorgung, um Druckgeschwüren vorzubeugen. Oft führen Bewohner noch gewisse Eigenbewegungen im Bett aus, sogenannte Mikro-Lagerungen mit Be- und Entlastung auf kleiner Fläche, etwa an Ferse, Handgelenk und so weiter. Nun wäre es gut – und da sind wir aktuell dran – festzustellen, ob und ab wann ein Bewohner auch solche Mikrolagerungen durch uns erfahren muss. Das wollen wir sensorisch erfassen und zum Vorteil des Bewohners so steuern, dass Maßnahmen dann eingeleitet werden, sobald sie notwendig sind und nicht, wenn sie nicht notwendig sind.

Und so könnte ich Ihnen noch 500 weitere Beispiele aufzählen, wie Sensortechnik im Pflegebett dem Pflegepersonal Entlastung bieten und dem personellen Pflegenotstand entgegenwirken kann.

Gibt es Grenzen für die Möglichkeiten der Technik?


Es würde für mich kritisch, wenn Technik aktiv ins Pflegegeschehen eingreift. Das wäre dann aber keine Sensorik mehr, sondern eher Robotronik. Also wenn morgens keine freundliche Pflegekraft mehr vor Ihnen steht, sondern die Maschine kommt und sie durch die Waschstraße fährt, und das war dann die Grundpflege. Technisch wäre das heute sicher schon machbar. Aber ich wage zu bezweifeln, ob das dem freien Willen eines Menschen entsprechen kann. Das sind für mich die ethischen Grenzen: Es darf nicht sein, dass Pflege maschinell durchgeführt wird!

Ich gebe noch ein positives Beispiel, das den Vorteil von Digitalisierung ethisch aufzeigt: Wenn Sensorik feststellt – und auch das ist heute technisch möglich – dass Vitalwerte kritisch werden, dann kann das System einen Alarm übermitteln, dass da ein Mensch Hilfe benötigt. Die Pflegekräfte können vorzeitiges Sterben dadurch verhindern. Oder den Menschen zumindest in den entscheidenden Momenten begleiten. Es gibt wenig Traurigeres als in der Pflegedokumentation zu lesen „Bewohner ohne Vitalwerte vorgefunden“, denn das bedeutet in der Regel, dass der Bewohner alleine gestorben ist. Wenn ich vorher alarmiert werde und weiß, der Herr Müller braucht mich jetzt, dann kann man besser reagieren.

Und ich bin mir sicher, dass man mit Sensorik auch Schmerzen messen und verhindern kann. Vieleicht noch nicht heute, aber bestimmt bald. Solche passiven Sensoriken sind die Dinge, die ich zum Wohle des Bewohners und der Mitarbeiter sehe. Aber aktive, maschinelle digitale Versorgung, damit hätte ich doch große, auch moralische Probleme.

Warum der Fokus auf Technik – und nicht auf das Personal?


Wenn wir mehr Personal einstellen könnten, dann würde ich das begrüßen!
Aber es gibt das Personal ja gar nicht. Es fehlen bundesweit Zehntausende von Fachkräften, die man auch in den nächsten Jahren nicht gewinnen können wird. Auch, weil der Beruf nun einmal eine 365-Tage-Versorgung bedeutet. Das heißt, es muss auch zu unattraktiven Zeiten gepflegt werden. Und das ist ein Vorteil von Technik: Sie wacht, egal ob es gerade Samstagsnacht oder Heiligabend ist.

Und man kann Pflegekräfte ja nicht rund um die Uhr an jedes Bett setzen, um zu schauen, wie es dem Bewohner geht und erst dann zu handeln, wenn es ihm nicht gut geht. Die Technik im Bett kostet vielleicht 500 Euro, sie spart aber übers Jahr gesehen mehrere tausend Euro ein und ermöglicht zudem eine Pflegequalität, die man sonst weder vorhalten noch erbringen könnte.

Um es nochmal ganz klar zu sagen: Durch Technik soll kein Personal eingespart werden, dann wäre die Situation in der Pflege unverändert schlecht! Wenn wir mit erheblich mehr Personal arbeiten wollten, könnten wir als Gesellschaft die Pflegeversicherung aber schon heute nicht mehr bezahlen. Also muss ich das vorhandene Personal durch technische Unterstützung optimal entlasten – etwa durch eine Schnittstelle zu unserem Dokumentationsprogramm connext vivendi, damit automatisiert erfasst und dokumentiert wird. Damit Pflegekräfte durch digital festgestellten Notfall auf ihrem Telefon alarmiert werden – und dann auch die Zeit haben, sofort zu reagieren und gegebenenfalls Leben zu retten.


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