„Pflegewohnen“ statt Pflegeheim: Evangelische Heimstiftung startet mit neuem Konzept

Martin Schäfer ist Prokurist der Evangelischen Heimstiftung, Stuttgart. Dort ist er unter anderem für den Bereich neue Wohnformen verantwortlich. Die Evangelische Heimstiftung betreut und begleitet in Baden-Württemberg über 11.000 Menschen in rund 100 Pflegeheimen und Tagespflegeeinrichtungen. Auch 27 Mobile Dienste, eine Rehabilitationsklinik und eine Einrichtung für Menschen mit Behinderungen gehören zum Unternehmen. Die Evangelische Stiftung beschäftigt über 8.000 Mitarbeiter, darunter über 700 Auszubildende. Damit ist sie der größte Arbeitgeber in der Altenhilfe in Baden-Württemberg. (Foto: Evangelische Heimstiftung)

Die erste "WohnenPLUS Residenz" ist Anfang Oktober 2018 in Bad Wildbad eröffnet worden. (Quelle: Evangelische Heimstiftung)

Neue Versorgungsformen, die die harten Grenzen zwischen stationärem (Heimpflege) und ambulantem Sektor (häusliche Pflege) aufbrechen, haben großes Potenzial. Ein Beispiel hatten wir mit dem Ahsbahs Stift in Schleswig Holstein vorgestellt. Im Süden der Bundesrepublik, in Baden-Württemberg, setzt die Evangelische Heimstiftung auf eine ähnliche und doch ganz andere innovative Wohnform: WohnenPLUS. Wir haben mit Prokurist Martin Schäfer über das neue Angebot gesprochen.

Herr Schäfer, die Evangelische Heimstiftung bietet mehr als 1.400 Betreute Wohnungen an, betreibt Pflegedienste und ist mit über 80 Pflegeheimen in Baden-Württemberg vor Ort. Wo in diesem Angebots-Mix findet sich das neue WohnenPLUS?

WohnenPLUS ist die ambulante Alternative zum traditionellen stationären Pflegeheim. Damit bieten wir im ambulanten Bereich eine passgenaue, bedarfsorientierte Leistung, die stationäre Pflege nahezu vollständig ersetzen kann. Die beiden Sektoren ambulant und stationär werden vom Gesetzgeber ja leider immer noch strikt getrennt gehalten. WohnenPLUS dagegen ist so konzipiert, dass in einer Residenz eine hohe Dichte an Betreuung und Versorgung stattfinden kann, ohne dass der Kunde in ein Pflegeheim ziehen muss.

Bei WohnenPLUS gibt es zum einen das Pflegewohnen, das sich an pflegebedürftige Menschen und Paare richtet, von denen mindestens ein Partner pflegebedürftig ist. Das ist also kein einfaches Betreutes Wohnen für ältere Menschen ohne Pflegebedarf, sondern die Wohnform ist speziell auf Pflege ausgerichtet.

Es gibt zudem eine Tagespflege, die täglich geöffnet hat, etwa für Menschen mit einer beginnenden Demenz oder für Menschen, die tagesstrukturierende Maßnahme brauchen. Dann haben wir für jene, die eine sehr engmaschige Betreuung brauchen, in der Regel auch eine ambulante Wohngemeinschaft im WohnenPLUS. Ein Quartiersraum für Veranstaltungen und Begegnungen auch mit den Menschen aus dem umgebenden Quartier ist vorhanden. Wir haben eine Hausdirektion bzw. einen Sozialdienst, der sich kümmert und berät. Und wir bieten den Menschen im Pflegewohnen auch einen Nachtservice an, der im Haus ist, nach dem Rechten sieht und bei Bedarf etwa den Pflegedienst informieren kann. Alle Bewohner können dabei einen Pflegedienst nach ihrem Wunsch wählen. Wir bieten also eine engmaschige Hilfeleistung und können Menschen so bis ins hohe Alter begleiten, ohne dass ein Umzug in ein Pflegeheim notwendig wird.

Wie viele WohnenPLUS-Residenzen sind aktuell in der Planung beziehungsweise existieren bereits?

Seit dem 1. Oktober 2018 ist Bad Wildbad „am Netz“. Das ist unsere erste Residenz. Sieben weitere Einheiten sind bereits konkret geplant inklusive der Termine für die Umsetzung. Die nächste WohnenPLUS-Residenz entsteht derzeit in der Stadt Heidenheim im Areal an der Stadtwaage. Das Richtfest dort war im Mai 2018.

Warum legen Sie bei WohnenPLUS so großen Wert auf technische Ausstattung, von der automatischen Herdabschaltung über seniorenfreundliche Tablet-PCs bis hin zum modernen Komfort-Bett?

Das haben wir nicht nur im WohnenPLUS, sondern wir bauen unser „ALADIEN-Technikpaket“ in alle neuen Betreuten Wohnungen ein. Wir haben ein wachsendes System mit offenen Schnittstellen, an das auch künftige Assistenzsysteme angekoppelt werden können. Das ist Teil dessen, was wir in Zukunft immer mehr benötigen, und das entspricht auch dem Bedarf der Menschen.

Unseren ALADIEN haben wir in vier Bereiche aufgeteilt: Gesundheit, Sicherheit, Komfort und Kommunikation. Beim Thema Gesundheit wird der Bereich Telemedizin eine immer stärkere Rolle übernehmen. Also die Anbindung an Hausärzte, Telediagnostik und Televisite. Das klingt vielleicht nach Zukunftsmusik, aber in ländlichen Gegenden sind wir da schon recht weit. Im Bereich Sicherheit können wir unter anderem das Hausnotrufgerät ansteuern, das in jeder Wohnung aufgestellt ist. Dadurch wird über Sensoren, die in der Wohnung verbaut sind, eine Sturzerkennung und vor allem eine schnelle Reaktion möglich. Das ist wichtig. Beim Thema Komfort habe ich die Möglichkeit, über das Tablet zu sehen wer an der Haustür steht. Wir haben Transponderschlösser und beispielsweise elektrische Rollläden, die übers Tablet steuerbar sind. Es ist vielen Menschen gar nicht klar, dass gewöhnliche tägliche Verrichtungen wie das Drehen eines Schlüssels im Schloss Kraft und Koordination erfordern, die im Alter möglicherweise verloren gehen. Die Kommunikationsangebote empfinden wir Jüngeren vielleicht als gar nicht so innovativ, aber es ist erstaunlich, wie gut es bei der Zielgruppe ankommt, über Skype und WhatsApp mit den Angehörigen kommunizieren zu können und wie das genutzt wird!

Wie schlägt sich WohnenPLUS denn hinsichtlich der Kosten, die die Pflegebedürftigen zu tragen haben? 
 

Beim Pflegewohnen fallen ganz normal die Miete an und zusätzlich eine Betreuungspauschale, die etwas höher ist als im klassischen Betreuten Wohnen – aber eben doch deutlich günstiger als ein Pflegeheim. In der ambulanten WG liegen die Kosten aktuell leicht über dem einrichtungseinheitlichen Eigenanteil (EEE) der Pflegeheime, und zwar einfach deshalb, weil wir unsere Alltagsbegleiter nach Tarif bezahlen und unsere Gruppengrößen recht klein sind. Das wird sich in wenigen Jahren aber angleichen, weil die Pflegeheime hier werden nachziehen müssen.

Die Kosten für ambulante Pflege oder Tagespflege werden über den normalen Pflegesatz abgegolten. Insgesamt hat man beim WohnenPLUS also ein hohes Maß an Sicherheit und Unterstützung für weniger hohe Kosten.

Einerseits wird „ambulant vor stationär“ politisch gefordert, andererseits gilt Pflege plus Wohnen schnell als Heimunterbringung. Haben innovative Wohnformen wie WohnenPLUS in diesem Umfeld langfristig Platz?

Wir haben immer noch die politisch vorgegebenen, strikt getrennten Sektoren ambulant und stationär. Aber niemand, der im Betreuten Wohnen neben einem Pflegeheim lebt, versteht, dass die Pfleger aus dem Heim nicht herüberkommen dürfen, um im Betreuten Wohnen kleine pflegerische Leistungen zu übernehmen.

Wir wünschen und wollen eine Änderung des Systems, nämlich eine Aufhebung der Sektorengrenzen. Und das würde dann bedeuten, dass wir langfristig nur noch in einer ambulanten Landschaft leben, die nach den zwei Prinzipien „Wohnen“ und „Pflege“ sortiert sind. Und zwar alle Betroffenen. Die Menschen, die im Pflegeheim, im WohnenPLUS oder mit häuslicher Pflege leben, könnten sich dann die Leistungen über Module jeweils für sie passgenau und bedürfnisorientiert buchen. Und wenn es die Sektorengrenzen nicht mehr gäbe, dann müssten wir auch nicht mehr darüber diskutieren, ob eine bestimmte Wohnform jetzt ambulant oder stationär ist – weil es dann eben nur noch die eine Pflege gibt.


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