Investition in die Digitalisierung: Bund gibt Fördermittel für Altenpflege frei

Die Politik hat erkannt, dass Pflegepersonal dringend entlastet und unterstützt werden muss. Und hat dabei bemerkt, dass Digitalisierung zahlreiche Möglichkeiten bietet, die Ressourcen des Pflegepersonals zu schonen und eine höherwertige Pflege zu ermöglichen. Dafür hat das Bundeskabinett am 01. August 2018 ein neues "Pflegepersonal-Stärkungsgesetz" beschlossen: Darin wird explizit auch auf die Potentiale der Digitalisierung in der ambulanten und stationären Altenpflege eingegangen: Investitionen in digitale Technik, die das Personal in der Pflege unterstützt, sollen zukünftig mit bis zu 12.000 Euro gefördert werden.

Was wird gefördert?

Digitale Inverstitionen, die der "Entbürokratisierung" dienen, sollen im Rahmen des neuen Gesetzes mit 40 % der Anschaffungssumme gefördert werden – bis zu einem Maximalbetrag von 12.000 Euro pro Einrichtung. Zu den förderberechtigten Anschaffungen gehört beispielsweise unterstützende Technik für

  • die Pflegedokumentation,
  • die Abrechnung von Pflegeleistungen,
  • die Zusammenarbeit zwischen Ärzteschaft und Pflegeheimen,
  • die Dienst- und Tourenplanung,
  • das interne Qualitätsmanagement,
  • die Erhebung von Qualitätsindikatoren.

Das Pflegepersonal soll sich wieder auf die wesentlichen Tätigkeiten konzentrieren können und Zeit für eine menschlich zugewandte Pflege gewinnen. Darüber hinaus sollen 13.000 Stellen in der stationären Altenpflege neu geschaffen werden, die komplett von der gesetzlichen Krankenversicherung finanziert werden sollen, also ohne dass die Pflege für die Betroffenen teurer würde. Ambulante Dienste sollen eine bessere Honorierung der Fahrzeiten erhalten. Das wird vor allem Pflegediensten im ländlichen Raum zugute kommen. Pflegekräften verspricht das Gesetz eine bessere betriebliche Gesundheitsförderung und eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Und: Die Zusammenarbeit zwischen Ärzten und Heimen soll verbindlicher werden. Die weiteren Verbesserungen, die das Gesetz verspricht, insbesondere die Tarifsteigerungen für Pflegekräfte, sollen allerdings auf Krankenhäuser beschränkt sein.

Was soll die Förderung bringen?

Die Fördermittel sollen kein Wahlgeschenk sein, sondern tatsächlich eine Investition in die Zukunft. Denn die Förderung soll den Aufbau einer digitalen Infrastruktur im Pflege- und Gesundheitswesen beschleunigen. Damit würden diese Investitionen auch den Weg für die Einführung der neuen elektronischen Gesundheitsakte ebnen. Durch Verschlankung der Bürokratie und effizientere Kommunikation der Leistungserbringer untereinander erwarten Bund,  Kranken- und Pflegeversicherungen langfristig deutliche Einsparungen im Gesundheitssektor.

Bisher scheuten viele Pflegeeinrichtungen vor dem Aufwand zurück, den die Etablierung neuer digitaler Systeme mit sich bringt. Zu den betriebswirtschaftlichen Überlegungen und der Unsicherheit, wie Datenschutz gewährleistet wird, gesellt sich oft ein eher diffuses Unbehagen: die Technikbegeisterung der Branche hält sich traditionell in Grenzen. Zu Unrecht, denn der Einsatz digitaler Technik im Gesundheitswesen verdrängt kein Personal – von dem es ja ohnehin viel zu wenig gibt – sondern bringt für die vorhandenen Kräfte messbare Arbeitserleichterung und Qualitätsverbesserung für die Beteiligten mit sich.

Wann ist es so weit?

Die ersten Schritte auf dem Weg in ein digitalisiertes Gesundheitssystem sind schon vor langer Zeit umgesetzt worden – zum Beispiel die Einführung der Krankenversichertenkarte mit Chip. Doch es hat einige Jahre gedauert, um die technische und regulative Infrastruktur aufzubauen, die den digitalen Austausch von Patientendaten in Deutschland rechtlich überhaupt ermöglicht. Der Aufwand und die Anforderungen dafür waren so groß, dass die Entwickler ehrfürchtig vom "weltweit größten IT-Projekt" sprechen - vielleicht ein bisschen hochgegriffen, denn andere Länder wie beispielsweise Frankreich und Dänemark arbeiten schon seit vielen Jahren und ohne großes Getöse mit digitalen Patientenakten. In Deutschland dagegen sind noch immer nicht alle Stolpersteine ausgeräumt.  Ärztevereinigungen, Krankenkassen und Patientenvertreter rangeln noch um Datenhoheit und -sicherheit.

Doch die Politik drängelt jetzt. Mit dem 2016 in Kraft getretenen „eHealth-Gesetz“, das mit richtigem Namen „Gesetz für sichere digitale Kommunikation und Anwendungen im Gesundheitswesen“ heißt, wurden die Voraussetzungen zur Einführung einer elektronischen Patientenakte geschaffen. Schon Ende 2018 soll die digitale Infrastruktur in allen Arztpraxen verpflichtend installiert sein, bis 2021 dann im gesamten Gesundheitssektor. Im Idealfall sollen zukünftig Hausarzt, Fach- und Krankenhausärzte sowie der Patient selbst Befunde und medizinische Daten austauschen. Auch Pflegedienste sollen am vernetzten medizinischen Austausch teilhaben, das bestätigte Gesundheitsminister Jens Spahn kürzlich der Süddeutschen Zeitung.

Spätestens ab 2021 soll es möglich sein, alle Patientendaten, vom Röntgenbild über den Impfausweis bis hin zum Entlassbrief aus dem Krankenhaus, gesammelt in einer elektronischen Gesundheitsakte zu speichern. Immer vorausgesetzt, der Patient stimmt zu. Andere Länder wie Dänemark sind schon deutlich weiter, siehe unser Interview mit Dr. Morten Elbaek Petersen in dieser Ausgabe.

Die jetzt vom Kabinett beschlossene 12.000 EUR-Förderung für Digitalisierung kommt also spät, aber gerade noch rechtzeitig. Das neue "Pflegepersonal-Stärkungsgesetz" muss jetzt noch vom Bundestag verabschiedet werden. Weil der Bundesrat nicht zustimmen muss, gilt eine Verabschiedung am 23. November und ein Inkrafttreten zum 1. Januar 2019 als sicher.

Wer kann die Daten sehen?

Der Zugriff auf die digitalen Daten soll laut eHealth-Gesetz ausschließlich Angehörigen von Heilberufen möglich sein - Versicherungen, Arbeitgeber und sonstige Neugierige sollen grundsätzlich keinen Einblick in die Gesundheit anderer Menschen nehmen können.

Die Grundidee der elektronischen Patientenakte ist es, dass Behandler ihre Informationen untereinander austauschen und einfachen Zugriff auf bereits erhobene Befunde und Untersuchungsergebnisse haben, denn medizinische Daten sind ein wertvolles Gut. Ihre Erhebung war teuer, zeitaufwändig und mitunter unangenehm für den Patienten. Daher ist es sinnvoll, diese Informationen auch anderen Behandlern bei Bedarf zur Verfügung zu stellen – damit Untersuchungen nicht mehrfach gemacht werden müssen, verordnete Medikamente zueinander passen und nicht zuletzt auch: Damit es im Notfall schneller geht.

Doch auch der Patient selbst soll die Möglichkeit erhalten, seine gespeicherten Daten jederzeit – und unabhängig vom Arztbesuch – einzusehen. Es ist geplant, dass er zukünftig die Daten seiner Patientenakte in sein persönliches, digitales "Patientenfach" kopieren lassen kann, um selber in Ruhe und zu Hause seine Daten einzusehen.

Privat sind viele Menschen längst damit vertraut, mit dem Smartphone oder Tablet ihre eigenen Gesundheitsdaten digital zu erheben und zu verwalten: Bewegungs- und Blutzuckerwerte, Zykluskalender und Allergietagebücher helfen, die eigene Gesundheit im Blick zu behalten – und sind oft auch für behandelnde Ärzte interessant. Die elektronische Patientenakte soll es daher auch ermöglichen, dem Patientenfach eigene Daten hinzuzufügen.

Für viele Patienten wäre der Einblick in ihre eigene, digitale Gesundheitsakte daher gar kein völliges Neuland, sondern eine willkommene Möglichkeit, die Informationen aus dem Arztgespräch noch einmal in Ruhe nachlesen zu können und dabei Befunde und Handlungsempfehlungen besser zu verstehen zu lernen. Denn im durchgetakteten Heilberufs-Alltag bleibt oft nicht genügend Zeit für ausführliche, erklärende Gespräche. Das Gefühl, gut informiert zu sein, trägt jedoch auch dazu bei, sich gut behandelt und gut gepflegt zu fühlen. Ein guter Informationsfluss führt zu einem größeren Vertrauen in die Behandlung, einer sorgfältigeren Befolgung ärztlicher Ratschläge und damit auch zu einer besseren Gesundheit und Lebensqualität. Davon profitiert das gesamte Gesundheitssystem.

Die größte Hürde des Systems: Die Menschen, die am stärksten von den Vorteilen einer übergreifenden Patientenakte profitieren würden, nämlich Ältere, Mehrfach-Erkrankte und Pflegebedürftige sind am wenigsten bereit oder in der Lage, der digitalen Übertragung ihrer Daten zuzustimmen und ihre Daten auch zu nutzen. Dieses Problem ist aktuell noch ungelöst. Auch das neue Pflegepersonal-Stärkungsgesetz macht hier noch keine Vorschläge.

Wo ist der Nutzen im Pflegealltag?

Gerade im Pflegebereich kann eine elektronische Patientenakte ihr größtes Potential entfalten – wenn nicht nur Ärzte, sondern auch Pflegekräfte die Patientendaten einsehen und gegebenenfalls ergänzen dürfen. Denn gerade beim bürokratischen Teil des Pflegeberufs würde es eine große Erleichterung bedeuten, wenn beispielsweise Arztbriefe und Medikationspläne automatisch zum richtigen Zeitpunkt und direkt am Pflegebett bereitstehen würden.

Die elektronische Patientenakte würde in der Pflege einen echten Mehrwert bieten - nicht nur durch die Entlastung der Pflegekräfte, sondern auch direkt für die Bewohner: Denn ein automatischer und leicht zugänglicher Informationsfluss zwischen Behandlern und Pflegenden erhöht natürlich die Handlungssicherheit und damit die Pflegequalität.

Die eHealth-Gesetze – und insbesondere das neue Förderprogramm für digitale Anschaffungen im neuen Pflegepersonal-Stärkungsgesetz – sind also absolut im Sinne der Pflegekräfte. Schließlich hat niemand diesen Beruf wegen der Schreibtischtätigkeiten gewählt. Eine Studie, die des Bundesministeriums für Gesundheit bestätigt, dass Pflegeverantwortliche sich der Potentiale der neuen Technik durchaus bewusst sind. In der Praxis wurde aber bemängelt, dass die verfügbare Informations- und Kommunikationstechnologie zu wenig nutzerfreundlich, zu alltagsfern oder zu wenig nutzenorientiert sei. Hier stehen also die Entwickler von digitalen Angeboten für die Pflege in der Pflicht, sich auch mit der menschlichen Komponente auseinanderzusetzen. Wir müssen den Pflegealltag verstehen und Lösungen entwickeln, die einen echten Mehrwert für Pflegekräfte und Bewohner bieten. Einige Hersteller von digitalen Hilfsmitteln haben das bereits erkannt: Wir bei bock haben Smart Care Control mit genau diesem Anspruch entwickelt. Denn die Verantwortung für eine zukunftsfähige Pflege darf nicht alleine auf den Schultern der Pflegekräfte lasten.


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