Praxis Hilfsmittel-Versorgung: 2. Versorgungsziele definieren

Die Argumentation mit Kostenträgern, warum ein ganz bestimmtes Hilfsmittel im Einzelfall erforderlich ist, kann nervenaufreibend sein: Angesichts bestehender Sparzwänge und pauschalierender Verträge muss jeder Hilfebedarf gegenüber der Pflege- oder Krankenkasse sorgfältig begründet sein. Eine Definition der „Versorgungsziele“, die mit dem Hilfsmittel erreicht werden, ist dafür grundlegend. In unserer Serie zur Praxis der Hilfsmittel-Versorgung erklären wir die wichtigen Konzepte und Begriffe und zeigen, worauf es ankommt.

Im ersten Teil unserer Serie „Praxis Hilfsmittel-Versorgung“ sind wir mit einer Bedarfsanalyse gestartet und haben eine erste Erhebung durchgeführt, so das wir einschätzen können, ob eine Aktivität uneingeschränkt, teilweise oder gar nicht mehr möglich ist.

Bedarfsanalyse ergänzen

Durch das Ausfüllen der Checkliste zur Bedarfserhebung ergibt sich ein guter Überblick über den bestehenden Hilfebedarf. Sind Sie sich aber noch nicht sicher, welcher Bedarf konkret besteht, etwa weil der Beobachtungszeitraum zu kurz war oder die betroffene Person je nach körperlicher und kognitiver Verfassung einen wechselnden Hilfebedarf hat, so sollten Sie die Erhebung wiederholen. Auch das (vorübergehende) Führen eines Ereignistagebuches kann helfen, den tatsächlichen Bedarf zu verifizieren.  Und noch ein wichtiger Tipp: 

Aktualisieren Sie regelmäßig die Bedarfsanalyse. Nicht selten kommt es zu Veränderungen in der Lebenswelt der hilfsbedürftigen Person. So kann sich das Umfeld durch Umzug ändern oder der Ehepartner versterben oder die zugrunde liegende Erkrankung verschlechtert sich, so dass die vorhandenen Hilfsmittel nicht mehr ausreichen.

Klärung medizinischer Sachverhalte

Obgleich mit den bislang erhobenen Daten bereits eine Zielklärung erfolgen könnte, sollten Sie vorab noch einen weiteren Zwischenschritt erwägen: Da sich die Teilhabeeinschränkung, Hilfebedürftigkeit, Behinderung oder Pflegebedürftigkeit praktisch immer aufgrund einer gesundheitlichen bzw. körperlichen Einschränkung ergibt, ist es anzuraten, die Bedarfsanalyse auch mit einem Arzt diskutieren. So ist zu prüfen, ob

  • Grunderkrankungen etwa ein Diabetes - adäquat behandelt werden,
  • neben der Hilfsmittelversorgung weitere Begleitmaßnahmen (z.B. Ergo oder Physiotherapie) erforderlich sind oder sie gar ersetzen könnten.
  • und besonders zu beachten, ob und wenn ja, welche Auswirkungen die Hilfsmittelnutzung auf die Grunderkrankung bzw. Gesundheit hat.

Auch der Arzt wird Zielvorstellungen formulieren, und solange eine vom Arzt verantwortete kurative Handlung dazu beitragen kann Hilfebedarf zu verringern, ist diese meist vorrangig. Zudem muss zur Zielformulierung auch eine möglichst gesicherte Prognose über den weiteren Krankheits- bzw. Behinderungsverlauf vorliegen.

Dokumentieren Sie Ihre Überlegungen und Erkenntnisse gut! Sie benötigen diese Daten und Unterlagen später bei der Beantragung von Leistungen der Kranken- und Pflegekassen.

Der Wunsch als Vater des Gedankens...

Es gilt nun zunächst festzulegen, ob die Wiederherstellung bzw. Verbesserung der Aktivitäten im jeweils individuellen Einzelfall wünschenswert oder auch ärztlich geboten ist. Stellen Sie sich zunächst die Frage, was die betroffene Person erreichen möchte. Klären Sie vorab, ob die jeweilige Aktivität vollkommen selbständig, teilweise selbständig, unter Anleitung oder nur mit voller Unterstützung (Übernahme) durch andere Personen ausgeübt werden soll.

Nur im idealen Fall wird eine vollständige Wiederherstellung gelingen, d.h. die Betroffenen werden wieder wie ein gesunder Mensch in der Lage sein alle Funktionen und Tätigkeiten auszuüben.

Kann dieses Ziel - wie so oft - nicht erreicht werden und bestehen beeinträchtigende Krankheits- oder Behinderungsfolgezustände teilweise fort, sind die Bemühungen so auszurichten, dass nur ein Minimum an Behinderung und Funktionsstörungen verbleibt. Das Ziel wird sich damit streng anhand der persönlichen Bedürfnisse und Alltagsanforderungen des Betroffenen orientieren müssen. Sofern mehrere Ziele erreicht werden sollen, ist auch eine Rangfolge festzulegen, um Überforderungen zu vermeiden. Legen Sie eine Rangfolge fest und konzentrieren Sie sich zunächst auf die wichtigsten Ziele. Diese zu erreichen erfordert meist viel Energie und Aufwand.

Versorgungsziele

Hilfsmittel zum Behinderungsausgleich ermöglichen es, Aktivitäten wiederzuerlangen oder aufrechtzuerhalten, die sonst nicht mehr oder nur eingeschränkt möglich wären. Alltagsverrichtungen aller Art, Mobilität, Informationsaufnahme, Kommunikation oder soziale Interaktionen sind nur einige Möglichkeiten, die den Betroffenen durch Hilfsmittel (wieder) eröffnet werden. Für die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben sind geeignete und funktionstüchtige behinderungsausgleichende Hilfsmittel für viele Menschen zwingend notwendig. Hilfsmittel stellen damit die Voraussetzung für die Teilhabe am Leben in der Gemeinschaft dar, fördern Selbstständigkeit und Unabhängigkeit und verringern den Bedarf an Assistenz und Pflege. Viele dieser Grundbedürfnisse können nur mit Hilfsmitteln erfüllt werden, sie gleichen die Behinderung aus. Dieser Ausgleich kann dabei je nach Situation im alltäglichen Leben, im Beruf oder in der Schule oder auch in der Freizeit erzielt werden. Ohne Prothese wird z. B. ein Beinamputierter leicht von Alltags- und Freizeitaktivitäten ausgeschlossen und somit der drohenden sozialen Isolation ausgesetzt. Aber auch zur Berufsausübung ist eine gut funktionierende Prothese meist unerlässlich. Selbst vermeintlich banale und selbstverständliche Tätigkeiten des Alltags – wie das Lesen, das Gehen oder die Nahrungsaufnahme – werden erst durch Hilfsmittel erstmalig oder wieder ermöglicht. Bereits an diesen wenigen Beispielen wird deutlich, welche wichtige Stellung Hilfsmittel in der Versorgung der betroffenen Menschen haben. Hilfsmittel werden daher im gesamten Leben benötigt.

Berücksichtigen Sie daher bei der Zielfestlegung die bisherigen Interessen, Tagesabläufe, Vorlieben und das gesamte Lebensumfeld. Bedenken Sie aber auch, dass sich je nach Lebensabschnitt Interessen und Tagesabläufe ändern können. Ganz besonders müssen Sie berücksichtigen, dass das Hilfsmittel ebenfalls das Leben der Betroffenen selbst verändern wird und sich so neue Anforderungen ergeben können.

Hilfsmittel zum Erhalt der Selbstständigkeit beugen aber auch einer Pflegebedürftigkeit vor bzw. mindern diese. Diese „Pflegeprophylaxe“ kann sich dabei je nach Hilfsmittel und persönlicher Situation im gesamten täglichen Leben auswirken oder auch nur einen kleinen Teilbereich betreffen. Alte, gebrechliche und hilfsbedürftige Menschen werden durch Pflegehilfsmittel wie Notruftelefone oder Badewannenlifter wieder in die Lage versetzt, ihre selbstständige Lebensführung fortzusetzen und ansonsten erforderliche Pflege zu vermeiden. Unterstützen oder erleichtern die Hilfsmittel die Pflege, so dienen sie dann nicht direkt dem Pflegebedürftigen, sondern vielmehr den Pflegenden.

Und zu guter Letzt haben therapeutische Hilfsmittel das Ziel, eine Krankenbehandlung zu unterstützen, Heilung herbeizuführen und Krankheitsbeschwerden und deren Folgen zu lindern. Sie unterstützen die ärztliche Behandlung, führen sie außerhalb der Arztpraxis oder des Krankenhauses fort und dienen so der Sicherung des Behandlungserfolgs, bespielweise Inhalationsgeräte oder Elektrostimulationsgeräte. Die Produkte sind damit Bestandteil eines ärztlichen Behandlungskonzepts. Dies kann sogar so weit gehen, dass die Hilfsmittel auch lebenserhaltend wirken, etwa bei der außerklinischen Beatmung (sogenannte häusliche oder Heimbeatmung). Schmerzen können durch spezielle Applikationshilfen wie mobile Infusionspumpen vermieden werden. Auch eine moderne Diabetestherapie wäre ohne Hilfsmittel wie Insulin-Pens oder Blutzuckermessgeräte undenkbar. Therapeutische Hilfsmittel müssen immer in ein Gesamtbehandlungskonzept eingebunden sein. Sie stellen ein Mittel der ärztlichen Versorgung dar und unterstützen – ersetzen aber niemals – die therapeutischen Behandlungsansätze. Die Versorgungsziele werden daher in diesen Fällen vom Arzt festgelegt.

Realistische Ziele im Auge halten

Die Versorgungsbemühungen beim Behinderungsausgleich und zur Pflegeerleichterung sind möglichst so auszurichten, dass mit vertretbarem Aufwand – dieser kann sehr individuell sein - ein realistisches und auch sinnvolles Versorgungsziel erreicht wird.

Wichtige Fragen in diesem Zusammenhang:

  • Welche Hilfestellung durch andere wird in Kauf genommen und kann auch geleistet werden?
  • Wie abhängig soll/will der/die Betroffene von dem Hilfsmittel sein? Gibt es gegebenenfalls CopingStrategien, die eine Abhängigkeit verringern können?
  • Welche Energie, Kraft und Motivation hat der/die Betroffene, Hilfsmittel anzuwenden oder deren Bedienung zu erlernen
  • Gibt es medizinische Gründe, warum ein Hilfsmittel genutzt oder auch gerade nicht genutzt werden sollte?

Akzeptieren Sie die Wünsche der Betroffenen, und lehnen Sie diese nicht von vornherein als unerfüllbar oder nicht von der Krankkasse zu finanzieren ab.  Betrachten Sie den Einzelfall. Als Querschnittgelähmter wieder Bergsteigen zu können, mag im Einzelfall - wenn auch nur mit sehr großem Aufwand verbunden - möglich sein, doch ob dies im gerade vorliegenden Fall realistisch ist, muss stets im Einzelfall entschieden werden, denn abhängig ist dies von individuellen Limitierungen und Ressourcen.

Unrealistische Ziele ausschließen

Unrealistische Ziele können insbesondere dann entdeckt werden, wenn bei der Zielformulierung auch gleichzeitig eine Prognose abgegeben wird. Die Prognose muss unbedingt begründet sein. Fällt die Begründung schwer und kann eigentlich nur über „Umwege“ erfolgen, ist das Ziel zu hinterfragen. Zur Prognose gehört dann aber auch eine zeitliche Einschätzung, bis wann das Ziel erreicht werden soll.

Stets muss auch „zukunftssicher“ überlegt werden, ob etwa bei einer Verschlechterung oder Verbesserung des Gesundheitszustandes oder bei anstehenden bzw. absehbaren Änderungen des Lebensumfelds die Hilfsmittelausstattung noch adäquat ist. Dies darf jedoch nicht dazu führen, dass erforderliche Leistungen und Maßnahmen nicht berücksichtigt oder gar verweigert werden, nur weil sie ja „bald“ nicht mehr genutzt werden können. Besser wäre es zu überlegen, welche Modifikationen in Zukunft möglich sind oder welche anderen Wege gegangen werden können. Die Erstellung dieser Prognose muss wiederum in enger Absprache mit dem Arzt erfolgen.

Limitierungen und Ressourcen - Kontextfaktoren

Limitierungen und Ressourcen können auch als Kontextfaktoren bezeichnet werden. Diese werden immer nach „umweltbezogenen“ und „personbezogenen“ Kontextfaktoren unterschieden, dies hilft später bei der Argumentation gegenüber Kostenträgern, denn je nach Versorgungsziel gibt es unterschiedliche Kostenträger für die Hilfsmittel und Pflegehilfsmittel. Dies ist im Einzelfall stets zu beachten, dazu in einer der folgenden Teile dieser Serie mehr.  Kontextfaktoren stellen den gesamten Lebenshintergrund einer Person dar und können einen positiven (=Ressourcen) oder negativen Einfluss (=Limitierungen) auf die Aktivität und die Teilhabe einer Person mit einem bestimmten Gesundheitszustand haben.

Umweltfaktoren bilden die materielle, soziale und einstellungsbezogene Umwelt, in der Menschen leben und ihr Leben gestalten.

Personbezogene Faktoren sind der spezielle Hintergrund des Lebens und der Lebensführung einer Person und umfassen Gegebenheiten der Person, die nicht Teil ihres Gesundheitsproblems oder Gesundheitszustands sind. Diese Faktoren können Geschlecht, ethnische Zugehörigkeit, Alter, andere Gesundheitsprobleme, Fitness, Lebensstil, Gewohnheiten, Erziehung, Bewältigungsstile, sozialer Hintergrund, Bildung und Ausbildung, Beruf sowie vergangene oder gegenwärtige Erfahrungen, allgemeine Verhaltensmuster und Art des Charakters, individuelles psychisches Leistungsvermögen und andere Merkmale umfassen, die in ihrer Gesamtheit oder einzeln für die Behinderung eine Rolle spielen können.

Ausblick

Während wir in diesem Teil unserer Serie erst einmal Begriffe geklärt haben und den theoretischen Hintergrund für die eigentliche Hilfsmittelwahl liefern, werden wir uns im nächsten Teil nun konkret der Zielfindung widmen und eine praktische Vorgehensweise zur Argumentation gegenüber Kostenträgern wie Kranken- oder Pflegekasse erläutern und dazu passende Checklisten einführen.    


Share

Newsletter abonnieren

Diese Webseite nutzt Cookies

Wir nutzen Cookies zur Verbesserung der Nutzerfreundlichkeit und um unsere Webseite entsprechend weiterzuentwickeln.