Praxis Hilfsmittel-Versorgung: 1. Bedarfsanalyse

In der Pflege-Praxis stehen Sanitätshäuser und Pflegeheime, ambulante Dienste und Angehörige/Betroffene immer wieder vor der Frage, wie sich – trotz pauschalierender Verträge und Sparzwang der Krankenkassen – eine qualitativ gute und individuelle Versorgung erreichen lässt. In einer neuen Serie geben wir Hinweise, Tipps und Hilfestellungen für den steilen Weg durch die Bürokratie der Kranken- und Pflegekassen – gewissermaßen ein Hilfsmittel für die Hilfsmittel-Versorgung. Der erste Teil widmet sich dem Thema „Hilfebedarf erkennen und begründen“. Denn der Bedarf für ein Hilfsmittel ergibt sich nicht nur aus einer ärztlichen Diagnose!

Ohne Rollstuhl, Lifter oder modernes Pflegebett geht in der Versorgung von kranken, behinderten oder von Pflege abhängigen Menschen nichts mehr. Und die rasante Entwicklung neuartiger Hilfsmittel eröffnet der Pflege ganz neue Möglichkeiten – etwa Feuchtigkeits-Sensoren für häusliche Pflegebetten, die Pflegekräfte und Angehörige per Smartphone alarmieren können, oder digitale Pflegebetten, die direkt mit der Pflegedokumentation vernetzt sind. Doch zahlreiche bürokratische Vorschriften und komplizierte Antrags- und Bewilligungsverfahren erschweren die Kommunikation mit den Kostenträgern. Mit diesem Newsletter starten wir deshalb eine kleine Serie mit Praxis-Hilfen für die Hilfsmittelversorgung.

Verwirrende Vielfalt

Die Versorgung kranker, behinderter oder von Pflege abhängiger Menschen ist heutzutage ohne technische Hilfsmittel kaum noch vorstellbar. Je nach vorgenannter Zielgruppe werden sie mal als Pflegehilfsmittel, mal als technische Hilfen oder eher allgemein als Hilfsmittel bezeichnet.

Hilfsmittel und Pflegehilfsmittel sind fest in den Versorgungsalltag eingebunden und entsprechend groß ist das Angebot an unterschiedlichsten Produkten. Einen ersten Überblick geben das GKV-Hilfsmittelverzeichnis oder Rehadat, aber dabei bleiben viele praktische Fragen offen. Etwa wie Hilfsmittel richtig ausgewählt und angepasst werden oder welche Kosten Kranken- oder Pflegekassen übernehmen, um nur einige wenige Punkte zu nennen.

Erschwerend kommt dazu, dass unter dem Begriff „Hilfsmittel“ ein großes Spektrum an unterschiedlichsten Produkten und Gegenständen verstanden wird. Hilfsmittel werden eingesetzt,

  • Um Unterstützung zu bieten bei der Durchführung von Prävention, Therapie, Diagnose oder Behandlungspflege (zum Beispiel Orthesen, Kompressionsstrümpfe, AntiDekubitus-Systeme oder Blutzuckermessgeräte, Alarmsysteme)
  • Um Einschränkungen von Körperfunktionen und Körperstrukturen auszugleichen, die Folgen von Behinderungen zu mildern oder die Rehabilitation sicherzustellen (zum Beispiel Hörgerät, Prothese, Rollstuhl)
  • Um die Entstehung oder Verschlimmerung einer Behinderung zu verhindern, die aus einer Erkrankung resultieren könnte (zum Beispiel Arm und Beintrainer)
  • Um die Pflege zu erleichtern, die Pflegenden zu entlasten und die Arbeitsbedingungen zu verbessern (Pflegehilfsmittel wie beispielsweise Lifter oder Pflegebetten).

Diese Produkte – oder zumindest die Produktgattungen – alle zu kennen um sie auswählen, erklären und benutzen zu können, ist eine Aufgabe, die spezielles Fachwissen fordert sowie die Fähigkeit medizinische, pflegerische, rehabilitative und technische Sachverhalte in das individuelle Versorgungsumfeld der Betroffenen zu übertragen und einzuordnen. Nur dann werden auch die übergeordneten Ziele einer jeden Hilfsmittelversorgung erreicht: eine möglichst selbstständige Lebensführung für die betroffenen Menschen und somit eine Entlastung der betreuenden Personen.

Keine Angst vor Technik

Gerade in sozialen und pflegerisch orientierten Berufen besteht häufig eine gewisse Grundangst vor technischen Lösungen. Oft zu hören ist das Argument, dass sie menschliche Zuwendung ersetzen sollen oder dass die Technik selbst zu viel Aufmerksamkeit erfordert, die dann den Pflegebedürftigen verloren geht. Doch Hilfsmittel sollen die Pflege nicht ersetzen, sondern unterstützen und die Versorgung erleichtern. Dazu müssen die technischen Lösungen bedarfsgerecht angeboten und als ein Bestandteil in das pflegerische Gesamtkonzept eingebunden werden.

Ein Prozess in acht Teilschritten

Eine erfolgreiche Hilfsmittelversorgung verlangt ein abgestuftes Vorgehen bei Auswahl, Anpassung, Versorgung und Prüfung. Beispielsweise genügt es bei einem gehbehinderten Menschen nicht, einen x-beliebigen Rollator durch den Arzt verordnen zu lassen und dem Menschen „vor die Türe zu stellen“ – ohne Berücksichtigung der individuellen Versorgungssituation und ohne Begleitmaßnahmen wie Erläuterung und Einweisung.

Der Prozess der Hilfsmittelversorgung besteht aus mehreren Teilschritten, die nacheinander durchlaufen werden müssen. In weiten Teilen bedarf dieser Prozess der koordinierenden Begleitung und des fachlichen Inputs.

Acht Schritte für die erfolgreiche Hilfsmittelversorgung:

  1. Hilfebedarf erkennen
  2. Versorgungsziele definieren
  3. Limitierungen und Ressourcen (Kontextfaktoren) erfassen
  4. Festlegung der definitiven Versorgungsziele unter Berücksichtigung der Ergebnisse aus Schritt 2. und 3.
  5. Auswahl des zur Zielerreichung erforderlichen Hilfsmittels und der notwendigen Begleitmaßnahmen
  6. Sicherstellung der Kostenübernahme (Verordnung, Finanzierung, Antragstellung bei Kostenträgern etc.)
  7. Versorgung mit dem Hilfsmittel und Durchführung der notwendigen Begleitmaßnahmen
  8. Begleitung der Versorgung, ggf. durchführen einer Evaluation und Anpassung

Je nach Hilfebedarf und Art und Weise der geplanten Zielerreichung ist zudem noch weiterer Sachverstand, etwa durch Ärzte, Pflegekräfte, Therapeuten, Reha- oder Orthopädietechniker erforderlich.

Die Notwendigkeit für die Versorgung mit Hilfsmitteln, d.h. die konkrete Indikation, ergibt sich nicht allein aus der Diagnose! Der Versorgungsbedarf muss vielmehr in einer Bedarfsanalyse ermittelt werden, die die folgenden Apsekte mit einbezieht:

  • die funktionellen und strukturellen (körperlichen und geistigen) Schädigungen,
  • die vorliegenden Beeinträchtigungen der Aktivitäten (Fähigkeitsstörungen),
  • die noch verbliebenen Aktivitäten (Fähigkeiten) und
  • die störungsbildabhängige Diagnostik.

Schritt 1 – Hilfebedarf erkennen und begründen

„So viel wie nötig, so wenig wie möglich“ lautet das Motto der Hilfsmittelversorgung. Doch was ist nötig? In der Akutversorgung lässt sich diese Frage meist schnell beantworten. Nach einem Beinbruch durch Sturz oder Sportunfall etwa ist leicht nachvollziehbar, dass zum Gehen mit Gipsverband eine Gehstütze benötigt wird. Auch die Versorgung mit benötigten Hilfsmittel im Rahmen einer Krankenbehandlung, etwa einem Inhalationsgerät bei einer chronischen Lungenerkrankung, wird in der Regel durch eine ärztliche Verordnung ausgelöst. Das Hilfsmittel ist dann notwendig um die erforderliche ärztliche Therapie umzusetzen.  Bedarf, Versorgungszeitpunkt und Notwendigkeit sind gut begründbar. Schwieriger ist es, den Hilfebedarf bei prophylaktischen, behinderungsausgleichenden oder pflegeerleichternden Hilfsmitteln zu definieren. Dieser ergibt sich nur aus einer Bedarfsanalyse. Hier reicht es keinesfalls, nur von einer Diagnose ausgehend zu „pauschalieren“.

„Ein Hilfsmittel muss passen wie ein guter Schuh, sonst wird es nicht genutzt“ ist ein weiterer Grundsatz der Versorgung.  Viele Betroffene haben sich im Laufe des Lebens mit ihrem Hilfebedarf arrangiert. Sie haben Ausweichstrategien entwickelt und irgendwie geht es ja doch noch ohne lästige technische Hilfen. Lästig, weil nicht passend, d.h. nicht auf die persönlichen und ganz individuellen Bedürfnisse, Wünsche, Zielvorstellungen und auch Umfeldgegebenheiten, etwa die Wohnsituation oder die Möglichkeit, familiäre oder professionelle Hilfe zu nutzen eingehend. Und so werden eben die Einschränkungen, die sich etwa durch den Alterungsprozess ergeben, hingenommen. Zudem wollen gerade ältere Menschen in diesen Situationen dann auch nicht zur Last fallen oder schämen sich gar dafür, dass etwa der Toilettengang nicht mehr so einfach ist. Sie verlassen immer weniger die eigene Wohnung, ziehen sich zurück, behelfen sich irgendwie. In diesen Fällen gibt es meist keinen eindeutig zu benennenden Zeitpunkt, an dem die Notwendigkeit der Hilfsmittelversorgung deutlich wird. Noch viel weniger ist den Betroffenen selbst klar, welches Hilfsmittel ihnen denn nun helfen könnte, die Selbstständigkeit und Lebensqualität zu erhalten oder wiederzuerlangen.

Hier helfen spezielle Fragen und Checklisten, um die persönliche Situation des Betroffenen zu reflektieren. Das Abarbeiten der Checkliste erfolgt – soweit möglich – stets unter Einbindung des Betroffenen selbst, der Angehörigen und der sonstigen Betreuungs- und Bezugspersonen.

Einstiegsfragen zur Bedarfsanalyse:

  1. Welche Aktivitäten des Alltags fallen schwer, können aber noch selbst und ohne Hilfe gelöst werden und welche Auswirkungen hat dies auf die Teilhabe?
  2. Für welche Aktivitäten des Alltags werden bereits Hilfsmittel oder die Hilfe anderer Personen in Anspruch genommen und welche Auswirkungen hat dies auf die Teilhabe?
  3. Welche Aktivitäten des Alltags können derzeit nicht mehr wahrgenommen werden und welche Auswirkungen hat dies auf die Teilhabe?

Kostenfreier Download:

Checkliste – Hilfebedarf erkennen und begründen: Aktivität und Teilhabe

Aktivität und Teilhabe

Eine Aktivität ist die Durchführung einer Aufgabe oder einer Handlung durch eine Person: Gehen, Greifen, Nahrungsaufnahme, Ausscheiden, Körperpflege, Kommunizieren sind nur einige Beispiele. Ausgehend von den Aktivitäten ergeben sich dann die individuellen Folgen für die Teilhabe. Die Teilhabe kennzeichnet das Einbezogensein in eine Lebenssituation und stellt eine Folge der Aktivität dar, beispielsweise beimEinkaufen, Kochen, Wäsche waschen, in Beziehungen, bei der Erziehung, bei der Arbeit oder in der Freizeit. Eine eindeutige Trennung von Aktivitäten und Teilhabe ist gerade in der Hilfsmittelversorgung kaum möglich, der Übergang oftmals fließend. Es empfiehlt sich - um nicht den Überblick zu verlieren – nicht gleich den gesamten Alltag auf einmal zu betrachten, sondern nach den verschiedenen Lebensbereichen, wie Kommunikation, Hygiene, Mobilität usw. getrennt vorzugehen.

Die Bedarfsanalyse fokussiert sich auf die tatsächlichen Schädigungen, Funktionsstörungen, Beeinträchtigungen der Aktivitäten bzw. der Teilhabe, betrachtet stets den individuellen Einzelfall und pauschaliert nicht. Gehen Sie hier mit Sorgfalt heran! Denn in den weiteren Schritten leitet sich hieraus ab, was im konkreten Einzelfall Fall mit Hilfsmitteln getan werden muss, um zu einer verbesserten Situation zu kommen.

Ausblick

Im nächsten Teil unserer Serie widmen wir uns den nächsten Prozessschritten, legen die Versorgungsziele fest und erfahren, welche individuellen Begleitfaktoren der Hilfsmittelversorgung zu beachten sind.


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