Sechs Monate mit dem PSG II: Pflegeeinrichtugen und Pflegedienste berichten

„Patienten können länger zu Hause wohnen“

Für pflegebedürftige Menschen, bringt das PSG II durchaus positive Änderungen. Im ambulanten Bereich ist seit Jahresbeginn 2017 „deutlich mehr Geld im System“, wie Ronald Oosterhuis, Geschäftsführer der Ahsbahs Stift gGmbH in Krempe formuliert. „Das kommt der Pflege zu Gute“, bestätigt auch Anna Funk von der LIA Pflege, Rietberg. So sei es ambulanten Pflegediensten in einigen Fällen möglich, "häufiger beim Patienten vorbeizuschauen", zum Beispiel drei statt bislang zwei Mal täglich. Und "durch die höhere finanzielle Unterstützung seitens der Pflegekassen können Angehörige mehr Entlastung und Unterstützung in Anspruch nehmen." Solche Patienten „können länger zu Hause wohnen bleiben“, sagt Anna Funk.

Zudem müssen nicht alle Hilfsmittel zwingend vom Arzt verordnet werden: Der MDK / der beauftragte Gutachter kann jetzt Pflegehilfsmittel und Hilfsmittel nach § 18 Abs 6a SGB XI verbindlich empfehlen. „Das Sanitätshaus kann diese Produkte dann direkt bei der Kasse beantragen“, berichtet Dr. Axel Friehoff von EGROH-Genossenschaft in Homberg. Allerdings schränkt er ein: „Die Hilfsmittel unterliegen dem Genehmigungsvermerk der Kassen – und die sind zurückhaltend.“

„Pflegegrad fünf wird so gut wie nie vergeben“

Planungssicherheit für Pflegebedürftige und Einrichtungen soll der einrichtungsspezifische Eigenanteil (EEE) bringen. Höherstufungsanträge wurden in der Vergangenheit von Pflegebedürftigen beziehungsweise Angehörigen oft ungern gestellt – möglicherweise, weil solche Wechsel mit steigenden Eigenanteilen verbunden waren. Mit dem EEE gehört dieser Streitpunkt der Vergangenheit an. Die Kalkulation eines geeigneten EEE könne aber durchaus zum Problem werden, betont Altenpflegeexperte Michael Thomsen in einem Kommentar für den BIVA e.V.: „Die Heime haben, wenn sich Pflegegrade abweichend von der Vorauskalkulation entwickeln, höhere wirtschaftliche Risiken zu tragen.“

Hinzu komme, dass die eher wohlwollende Überleitung der Pflegestufen in die neuen Pflegegrade nur ein einmaliger Effekt gewesen sei: „Nach dem Auslaufen der Besitzstandwahrung im Sinne der Überleitungsregeln wird es für die Pflegenden schwerer werden, Bewohner in hohe Pflegegrade zu bekommen.“ In der in der Süddeutschen Zeitung spricht Siegfried Benker, Geschäftsführer der Münchenstift GmbH, München, deutlich aus: "Pflegegrad fünf wird so gut wie nie vergeben."

Mindestens bei den niedrigeren Pflegegraden sieht Stefan Skibbe vom Verband Reha Vital die Einstufungspraxis des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen (MDK) jedoch gelassen: „Man könnte den Eindruck gewinnen, dass der MDK begutachtet wie immer. Durch gelockerte Zugangsvoraussetzungen ist die Masse an Anträgen gestiegen, so dass ganz automatisch auch eine Steigerung der positiven Gutachten nachfolgt. In der Summe ist der Anteil der Pflegeleistungsbezieher daher gestiegen. Eine drastisch höhere Quote von Totalablehnungen zu Befürwortungen ist nicht auszumachen.“

Vollstationäre Einrichtungen allerdings spüren den politisch gewollten Druck des Prinzips ‚ambulant vor stationär’: Kostendeckende Angebote seien fast nur noch bei Bewohnern mit hohem Pflegegrad möglich. „In Gesprächen mit Kollegen höre ich, dass die Belegung in stationären Einrichtungen aktuell etwas darbt“, berichtet beispielsweise Jürgen Mertes, Heimleiter des Altenzentrums St.-Anna-Haus in Verl. Ronald Oosterhuis vom Ahsbahs Stift wird deutlich: „Im stationären Bereich musst Du heute eine fast 100%ige Auslastung haben und eine sehr geringe Krankenquote, um kostendeckend zu arbeiten. Meiner Meinung nach wird es zu einer Bereinigung kommen, es wird Insolvenzen geben.“

„Personalangebot für stationären Bereich wird noch geringer“

Jan Grabow von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Curacon betont: „Es war auch ein Ziel des PSG II, dass die auch im stationären Bereich erhöhten Zuschüsse der Pflegekassen nicht nur die Sozialhilfeträger entlasten, sondern insbesondere zu verbesserten Leistungen für Bewohner mit eingeschränkter Alltagskompetenz führen.“ Aber Stefan Skibbe von Reha Vital gibt zu bedenken: „Ob die angestrebte Verbesserung in der Versorgung und die ‚gerechtere’ Versorgung mit Pflegeleistungen tatsächlich durch das PSG II erreicht wurde oder noch erreicht wird ist weder für uns, noch für die einzelne Krankenkasse zufriedenstellend zu beantworten.“

Der Personalmangel im stationären Bereich jedenfalls dürfte sich nach einhelliger Einschätzung der Befragten noch einmal verschärfen. In NRW solle zwar „das Personal im Pflegebereich um 6,8 Prozent aufgestockt werden“, sagt Anna Funk. Doch es bleibt unklar, wie Betreiber dies konkret umsetzen können. Wirtschaftsprüfer Jan Grabow formuliert es so: „Wenngleich zahlreiche Bundesländer durch eine Anpassung der Landesrahmenverträge die Personalausstattung aufgestockt haben, befürchten viele Betreiber, dass diese Verbesserungen nicht erhalten bleiben werden. Zudem besteht in der Regel das Problem, im verstärkten Wettbewerb mit den ambulanten Anbietern überhaupt zusätzliches Personal zu finden."

Ins gleiche Horn stößt auch Ronald Oosterhuis: „Das Personalangebot an Kräften, die im stationären Bereich arbeiten wollen, war immer gering. Und es wird noch geringer, denn durch den Boom im ambulanten Bereich nimmt dieser ja noch mehr Leute auf. Und was passiert, wenn in 20 Jahren die Babyboomer pflegebedürftig werden? Das sind diejenigen, die heute die Arbeit in der Pflege machen, die dann selbst pflegebedürftig werden.“



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