Warum macht Pflege so oft krank?

Der Krankenstand von Pflegekräften ist hoch. Das war schon immer so, das ist nicht neu, auch wenn der BKK Gesundheitsatlas es jedes Jahr neu dokumentiert. Die Ursachen sind bekannt – die Pflege ist nun mal kein Ponyhof. Die Zähne zusammenzubeißen, einen hohen Krankenstand als gottgegeben zu akzeptieren und den schwarzen Peter an das Gesundheitssystem weiterzureichen ist jedoch keine Lösung.

Problembewusstsein in der Politik
 

In den aktuellen Positionen der politischen Parteien spiegelt sich durchaus ein übergreifendes Bewusstsein für die Herausforderungen im Pflegesektor wider. Egal welche Parteien den Platz der gescheiterten Jamaika-Koalition einnehmen: Die nächste Regierung wird erneut Pflegereformen auf den Tisch bringen - voraussichtlich mit dem Ziel, dem Pflegesystem mehr Geld zur Verfügung zu stellen. Das wäre sicherlich schön und auch angemessen, aber Geld alleine wird nicht reichen: Mit ein paar Euro mehr in der Tasche wird eine Pflegekraft nicht automatisch gesünder.

Prävention schützt Ressourcen
 

Für die Erhaltung der Gesundheit der Mitarbeiter genügt es nicht, sich lediglich an die Regeln der Arbeitssicherheit zu halten. Doch ausgerechnet im Gesundheitssystem ist Prävention kaum ein Thema: Nach den Erhebungen der BKK bieten weniger als die Hälfte der Pflegeeinrichtungen (43 %) ihren Mitarbeitern Angebote zur Gesundheitsförderung an.

Dr. Thorsten Flach vom Institut für betriebliche Gesundheitsförderung in Köln erklärt: "Eine ergonomische Arbeitsweise muss erlernt und im Alltag gefördert werden. Entlastende Hilfsmittel wie Hebevorrichtungen sind in den meisten Einrichtungen vorhanden, werden aber oft aus Unkenntnis oder Zeitmangel nicht genutzt. Schulungsangebote wie Bewegungscoachings stärken das Bewusstsein für eine gesunde, ergonomische Arbeitsweise. Damit solche Maßnahmen auch nachhaltig wirken können, sollten sie im Rahmen des betrieblichen Gesundheitsmanagements regelmäßig eingeplant werden."

Druck ausgleichen
 

Ein weiterer Faktor: Pflegekräfte übernehmen viel Verantwortung für das Wohlergehen ihrer Bewohner. Doch sie erhalten oft nur wenig Verantwortung für die Gestaltung ihrer eigenen Arbeitsabläufe. Im Spannungsfeld zwischen Heimleitung, Bewohnern und Angehörigen sind sie für die alltäglichen Routineaufgaben zuständig, für die rechtssichere Dokumentation und natürlich auch für schnelle Hilfeleistung in akuten Situationen.

Für eine menschlich-zugewandte Pflege bleibt da wenig Zeit - und das belastet und frustriert insbesondere die engagierten Pflegekräfte. "Auch der Umgang mit psychischen Belastungen kann erlernt werden, zum Beispiel in Resilienz-Seminaren, in denen Stressbewältigungs-Strategien vermittelt werden", erläutert Dr. Flach.

"Arbeitszufriedenheit ist ein wichtiges Kriterium für motiviertes Personal und einen niedrigen Krankenstand" weiß auch Andrea Guhe-Strothmann, Pflegedienstleitung in der Blomberg-Klinik in Bad Laer. Das Pflegeheim ist 2017 beim Wettbewerb Great Place to Work zum wiederholten Mal als "Bester Arbeitgeber im Gesundheitswesen" ausgezeichnet worden. Familienverträglich geplante, verlässliche Schichtpläne und ein partnerschaftlicher Umgang mit den Mitarbeitern tragen laut Guhe-Strothmann dazu bei, dass die Mitarbeiter in der Blomberg-Klinik motiviert und fit im Einsatz seien – weil sie ihre Leistung und ihre Arbeitskraft wertgeschätzt sehen.

Die psychische Belastung des Pflegeberufes entsteht nicht primär durch den täglichen Kontakt mit alten, kranken und manchmal herausfordernden Bewohnern. Damit können Pflegekräfte in der Regel sehr gut umgehen. Belastend wird der Beruf durch den Zeit- und Kostendruck, organisatorische Tücken und fehlenden Ausgleich. Und nicht zuletzt durch das Gefühl, den eigenen Anspruch an die Qualität der Arbeit vernachlässigen zu müssen.

Jede gewonnene Minute zählt
 

Es können wesentliche Verbesserungen in der Arbeitszufriedenheit erzielt werden, wenn den Pflegekräften bei der Einteilung ihrer Aufgaben mehr Entscheidungskompetenz zugetraut wird, unnötige Wege eingespart und Verwaltungs- und Dokumentationsaufgaben vereinfacht werden können.

Auch technische Möglichkeiten können dabei unterstützen. Eine Echtzeit-Erfassung von pflegerelevanten "Statusmeldungen" der Bewohner beispielsweise würde den Aufwand für Routinekontrollen reduzieren und es den Pflegekräften ermöglichen, bedarfsorientierte Entscheidungen zu treffen. Darüber hinaus erleichtern solche technischen Systeme ganz erheblich die verpflichtende Dokumentation des Pflegealltags.

Was tun?!


Arbeitgeber verweisen oft darauf, dass das Gesundheitssystem nicht mehr Mittel für die Pflege bereitstellt und es daher nicht möglich sei, mehr Personal einzustellen. Doch diese Denkweise greift zu kurz, denn einer außergewöhnlich hohen Ausfallquote durch Krankheit und Erschöpfung können Arbeitgeber durch sinnvolle Präventionsangebote entgegenwirken. Wenn das vorhandene Personal vollzählig, fit und ausgeglichen im Einsatz ist, ist die Belastung für den Einzelnen schon erheblich reduziert. Wenn es dann noch gelingt, zusätzlich durch klug genutzte Technik unnötige Wege und etwas Zeit zu sparen, ist viel gewonnen. Denn mehr Zeit ermöglicht es Pflegekräften, den Überblick zu behalten, leistungsfähig zu bleiben und vor allem: Gut zu pflegen.

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